Künstlermotivation, Verwertungsmodelle und eine Frage an @SaschaLobo ohne #piraten+

Dieser Artikel hier und Sascha Lobos Kommentar darauf haben mich gestern darauf gebracht, das folgende Posting zu schreiben. Und die umfangreiche Diskussion zur Zeit dazu noch bis zur Mittagspause heute drüber nachzudenken. Dabei gehe ich erstmal nur auf Künstler, Kunsthandwerker, Urheberrechte und Inhaltsverwertung ein.

Meine Ideen und Gedanken zur inhaltichen Verbesserung der Piratenpartei folgen gesondert.

Zunächst eine Frage an Sascha Lobo:
Du hättest doch für Deine Bücher durchaus modernere Vertriebswege wählen können:
* Frei zum Download anbieten um mehr Masse zu erreichen
* Gegen Downloadgebühr via Paypal
* Via Print on Demand

Dabei wärst Du die Verleger umgangen und gleich auf eigene Rechnung die Bücher vertrieben. Darf ich fragen, warum Du den eher konventionellen Weg gegangen bist?

Versteh mich nicht falsch, ich habe gar nichts dagegen, daß Du mit Deiner Arbeit Geld verdienen willst. Von etwas leben müssen wir alle. Aber Du hattest von Anfang an die Bekanntheit (zumindest beim zweiten Buch) und Möglichkeiten, das Wissen und die Tools, um einen anderen als den klassischen Weg einzuschlagen und ggf. sogar mehr zu verdienen. Vielleicht hättest Du sogar mehr Leute erreicht und ein Best Practice Beispiel liefern, wie andere Autoren es Dir nachmachen können. Wäre vermutlich ein gutes Stück mehr Arbeit gewesen, daß sich aber mit großer Wahrscheinlichkeit für Dich und für die Gemeinschaft auf jeden Fall gelohnt hätte.

Ich für meinen Teil hätte sowohl “Wir nennen es Arbeit” und “Dinge geregelt kriegen…” auch als Book on Demand gekauft.

Daniel Gorgmorg hat unter meinem Artikel von gestern, zu den Künstlern, die selber aktiv werden müssen, kommentiert, dass wir mit unseren Blogs ja auch kein Geld verdienen.

Versuchen wir es denn wirklich? Ich habe es zumindest bisher noch nie versucht. Zum einen aus Sorge, die Besucher hauen ab, weil sie sich denken “der SPINNT doch, für sein Geschreibe Geld zu nehmen / mit Werbung zu nerven” zum andern weil ich mir komisch vorkomme, Geld für etwas zu nehmen, das mir Spaß macht.

Aber es kann doch auch keine Garantie geschweige denn einen Anspruch auf bezahltes, künstlerisches Schaffen geben. Entweder ich bin Künstler oder nicht. Dann mache ich auch meine Kunst, egal ob ich nen Toast im Kühlschrank habe oder nicht. Egal, ob ich reich und berühmt werde. Künstlerisches Schaffen sollte doch aus intrinsischer Motivation heraus entstehen. Nicht aus kommerziellem Verwertungs- und Lebensfinanzierungstrieb auf Grund einer Industrie.

Und mal im Ernst:
Der Großteil industriell erfolgreicher und verwerteter Künstler sind bestenfalls Kunsthandwerker (ohne, dass ich hier Kunsthandwerker abwerten möchte) oder vergleichbar mit Designern.
Was ich damit meine ist:
Schaut Euch Charts und Bestsellerlisten (Belletristik) an. Sind da großartig künstlerisch, kreative, innovative, verstörende oder anregende Werke dabei? Der Großteil ist doch trivial und unterhaltend, Fahrstuhlmusik oder nach ganz bestimmten Mustern aufgebaute Genreliteratur (Krimi- und Thrillerbestseller bsw.). Darauf ausgerichtet, der Masse zu gefallen und möglichst viel Absatz zu generieren. Nicht etwas neues, spannendes zu schaffen und dabei das Risiko einzugehen, von der Masse mißachtet, nicht gemocht oder ausgelacht zu werden.

Gebrauchskunst eben. Und ob nun ein weiteres DSDS-Sammel-Album erscheinen kann oder nicht, oder Elizabeth George den nächsten Fliesbandkrimi unter die Leute bekommt, ist doch sowas von irrelevant. Fragt Euch dochmal, was bei diesen Produkten eher da war: Die Nachfrage vom Publikum, oder das Angebot der Unterhaltungsindustrie, die mit ausreichend Marketing eine Nachfrage für ein Produkt generiert, das sonst keine (oder nur sehr wenige) Abnehmer finden würde.

Das ist auch Legitim gar keine Frage. Aber genauso legitim ist dann auch die Forderdung der Piraten, solche Erzeungnisse nicht unter einen gesonderten Schutz zu stellen. Da sie nichts besonderes sind.

In den Kommentaren bei ennomane führt ein Michel das Beispiel eines Schriftendesigners an, der Monate oder Jahre an einer Schrift arbeitet. Michel sagt – es sei nicht fair, dass dieser Schriftendesigner keine entsprechende Entlohnung mehr für seine Arbeit zu erwarten habe wie noch vor Jahren, als noch bis zu einigen tausend Euro für eine Schrift gezahlt wurden.
Ja, ist nicht fair. Aber auch nicht sonderlich tragisch.

Der Schriftendeisgner hat einige Möglichkeiten: Entweder er läßt das Schriftendesignen sein. Oder sieht zu, daß er weniger Aufwand benötigt, schneller und effektiver wird. Oder läßt das Fontdesign das sein was es ist – ein Hobby und versucht nicht krampfhaft Geld daraus zu schlagen. Letzte Möglichkeit wäre aber, seine Schrift (wenn sie wirklich so gut, bahnbrechend und innovativ ist) selbst zu vermarkten, an den Nutzer zu bringen, Firmen und Agenturen anzumailen und seine Schrift anzubieten.

Und ich glaube, genau das ist es, was finanziell erfolgreiche Künstler von denen die am Hungertuch nagen unterscheidet:
Entweder sie sind im positiven Sinne abgewichst genug, ihre Kohle selber einzutreiben (und das wirst Du irgendwann, wenn Du lange genug in einem Business unterwegs bis UND Hunger kriegst).
Oder sie suchen sich einen Unternehmer, der das für sie übernimmt: Manager, Plattenfirma, Verleger, you name it. Und dieser Unternehmer kriegt dann irgendwas bei 10-20% der Einnahmen. Macht dafür Kontakte, Termine, Vermarktung und tritt  den Künstlern auch in den Hintern, dass sie schön produktiv bleiben. Schließlich lebt er ja von ihnen. Und ab einer entsprechenden Popularität leben mehrere Leute (A&R Manager, Tour Manager, Graphiker, Assistenten, Geschäftsführer, Drucker, CD-Presswerkangestellte usw) eben eine ganze Industrie von diesen Künstlern.

Ist DAS die Aufgabe eines Künstlers? Einen Industriezweig zu ernähren?

Ich denke eher, der Künstler sollte das aus sich rausholen, was an Kreativität, Talent, Ideen, Fertigkeiten, Gefühlen, Intellekt usw. in ihm steckt. Und wenn er dabei ein bißchen hungrig ist, kommt vermutlich ein besseres Ergebnis raus, als wenn sich der Künstler grad an einem 4-Sterne Catering satt gefressen hat.

Von Verwertungsgesellschaften (die bei den derzeitigen Entwicklungen v.a. um die eigene Existenz bangen dürften) möchte ich hier gar nicht anfangen.

Um mal zum Schluß zu kommen:

Künstler haben mittlerweile in (fast) jedem Genre die Möglichkeit sich selbst zu Vermarkten, zu geringen Kosten zu produzieren und sich selbst eine Vergütung für ihre Kunst zu schaffen. Dafür bräuchte es kein Urheberrecht, Industrie oder Verwertungsgesellschaften. Schaut Euch einfach mal die Geschichte der GEMA an – die Ursprünge liegen über hunder Jahre, das heutige Geschäftsmodell rund 75 Jahre zurück. Da sollte doch jedem klar werden, daß hier mal die eine oder andere Reform am dransten ist.

Posted by qua

Standouts include the United States' South Pacific detonation of an atom bomb 90 feet below the water to study the effects on a fleet of ships. Surprise, surprise, they sink! If that wasn't enough, the navy also loaded the decks with sheep to study the effects of the blast on life forms. Surprise, surprise, they die! Glowing leg of lamb anyone?

7 Replies to “Künstlermotivation, Verwertungsmodelle und eine Frage an @SaschaLobo ohne #piraten+”

  1. Doch. Ein Urheberrecht wird auch in Deinem Fall vom sich selbst vermarktenden Künstler gebraucht. Was man für lau ins Wohnzimmer geschaufelt bekommt, lässt sich nämlich schlecht vermarkten. Und ob ein Werk trivial ist oder nicht, ist noch mal eine Komponenten, die nun so gar nichts aussagt.

  2. 1. Ich mache ein Buch, wenn einen ausreichend hohen Vorschuss dafür bekomme. Vorfinanzierung von Kulturprodukten (nämlich das Geld, was man braucht, um sich zum Beispiel 5 Monate zum schreiben zurückziehen zu können) ist ein wichtiges und noch zu selten besprochenes Thema. Nicht nur für mich.

    2. In, sagen wir, längeren Verhandlungen habe ich 2007 den Heyne Verlag dazu bringen können, unser Riesenmaschine-Buch nicht nur in den Buchhandel zu bringen, sondern auch gleichzeitig als kostenlosen Download anzubieten. Das Buch ist über 20.000 mal als pdf heruntergeladen worden, aber sehr, sehr viel weniger oft verkauft worden. Es ist ja so, dass ich durchaus auch ausprobiere, wie Alternativen aussehen könnten.

    3. Die Vertriebsstruktur für Bücher in Deutschland ist starr, starr, superstarr. 90% der Bücher werden im stationären Buchhandel verkauft, nur ca. 10% online (als Größenordnung, gibt viele verschiedene Zahlen). Wenn eine elektronische Vertriebsstruktur kommt, die den Namen verdient und vor allem die Masse erreicht, die auch Bücher kauft, dann werde ich definitiv mitmachen.

    4. Selbst, wenn ich einen solchen Weg einschlagen könnte, weil ich die Bekanntheit aufgebaut habe und die digitalen Wege kenne sowie über die Mittel verfüge, sie auch zu nutzen – das würde nicht prototypisch für Autoren gelten. Die können schreiben (die meisten) und sonst nicht so ungeheuer viel mehr. Ich kenne glänzende Autoren, die sind nicht in der Lage, alleine Pfandflaschen zurückzubringen, wie sollen die digitale Vertriebsstrukturen und Marketingkampagnen beherrschen. Ihre Bücher möchte ich trotzdem lesen.

    5. Ich bin übrigens sehr gespannt auf die nächste Generation des Kindle und finde es aus genau den Gründen, die ich hier beschrieben habe, enorm schade, dass er jetzt erstmal nicht in Deutschland eingeführt wird.

    Ich sehe schon, ich werde nicht drum herum kommen, mal eine eigene Kulturfinanzierungs-Alternative zu skizzieren. Vielleicht schaffe ich das ja noch im Juli.

  3. Hi ramses101,

    wofür wird denn Deiner Meinung nach das Urheberrecht und v.a. das zentral verwaltete Verwertungsrecht gebraucht?

    Selbstverständlich lassen sich “für lau ins Wohnzimmer geschaufelte Inhalte” vermarkten. Dafür gibt es bereits zahlreiche Beispiele. Nicht zwangsläufig das musikalische Produkt an sich, aber begleitende Produkte und natürlich Dienstleistungen wie Konzerte.

    Deinen letzten Satz verstehe ich nicht. Kannst Du mir da noch einmal genauer erklären, was Du meinst?

    Hi Sacha,
    danke für’s Feedback. Das erklärt schon einiges. An die Vorfinanzierung habe ich nicht gedacht. Da ist was dran. Wenn auch eher ein recht luxuriöser Punkt für bereits etablierte Kulturproduzenten (ein sehr viel angenehmeres und weniger wertendes Wort als Künstler.)

    Puh, mit einem Verlag ein Downloadangebot hinzubekommen, stelle ich mir auch extrem schwer vor. Dabei konntest Du beim Riesenmaschine-Buch immerhin noch argumentieren, daß die Inhalte bereits online verfügbar waren.

    Das Verhältnis der Vertriebskanäle hätte ich etwas mehr zu Gunsten des Online-Handels geschätzt. Aber natürlich sind Bücher auch immer noch klassische Mitnahmeprodukte für Impulskäufer.

    Ich kenne kaum jemanden, der in der Lage ist Pfandflaschen wegzubringen. Ein Großteil meines Freundeskreise hat seine Altersvorsorge lustig klimpernd auf dem Balkon stehen. Und natürlich gebe ich Dir Recht – viele Autoren da draussen sind einfach noch nicht in der Lage dazu und der ganzen Struktur noch mißtrauisch gegenüber.

    Um sie in die Lage zu versetzen selber erfolgreich zu werden, fehlen aber auch noch die transparenten und nachvollziehbaren Erfolgsprojekte. Da wärst Du schon einer derjenigen, der eine Vorreiter- und Vorbild-Position einnehmen könnte.

    Aber ich bin sehr optimistisch, da bald einige gute Beispiele zu sehen.

    Der Kindle wird nicht in .de eingeführt? Das ist schade. Wobei ich – so sexy ich das Stück Gerät auch finde – den Preis wiederum recht überteuert finde. Zumindest Gutscheine für 5 Bücher sollte amazon dabei legen, um eine möglichst breite Streuung hinzubekommen.

    Ein Ansatz für eine Kulturfinanzierungs-Alternative wäre wirklich mal interessant. Könntest Du Dir auch vorstellen, so etwas in einem größeren Rahmen, zusammen mit Kulturproduzenten unterschiedlicher Genres zu machen? Eben um einige Best Practice Vorgehensweisen heraus zu arbeiten, an denen sich angehende Selbstveröffentlicher orientieren können?

  4. Ein zentral verwaltetes Verwertungsrecht wird nicht gebraucht. Aber jeder Schaffende braucht das Recht, sein Werk in seinem Sinne anzubieten und zu vermarkten. Es muss ihm überlassen werden, ob er X verschenkt, verbrennt oder verkauft.

    Wenn man sagt, die Musik sollte, anstatt sie dem Künstler abzukaufen, gratis von ihm zu haben sein, er könne ja mit Konzerten Geld verdienen: Mit welchem moralischen Recht will man denn den Künstler auf Tournee schicken? Es kann doch nicht angehen, dass etwas, in das man Zeit und Hirnschmalz investiert hat, frei nutzbar sein soll.

    Wenn Du als Urheber nicht die Rechte hast, über Dein Werk zu verfügen, dann hat diese Rechte keiner. Dann muss sich der Musiker gefallen lassen, wenn seine Melodie eine Nazihymne untermalt und der Fotograf muss sich gefallen lassen, dass seine Fotos auf Naziseiten erscheinen.

    Mein letzter Satz bezieht sich auf Deine Anmerkungen zur Gebrauchskunst, aber vielleicht hab ich die auch falsch verstanden, ich wollte nicht noch ein Fass aufmachen ;)

  5. OK da hast Du Recht ramses,
    eine Verwendung, die nicht im Sinne des Urhebers sein kann habe ich nicht bedacht. Wobei sich das auch nicht durch ein Urheberrecht zu 100% gewährleisten läßt.

    Und bei so etwas wie Satire bsw. ist das auch gut so.

    Bei einem tatsächlichen Mßbrauch des “geistigen Eigentums” gebe ich Die aber nochmal Recht. Hier bedarf es einer Regelungsmöglichkeit.

  6. Vermeiden lässt sich das nicht, aber man kann es ahnden, eben weil man als Urheber Rechte hat. Ist ja auch nur eine nebesächlicher Aspekt. Ich versuche in der Diskussion ums Urheberrecht nur immer, dessen Gegner aus ihrer (tendenziell) einseitigen Sicht der Dinge herauszuholen. Denn dass das Urheberrecht reformiert werden muss, steht auch für mich außer Frage.

    Aber es darf eben nicht abgeschafft werden, nur weil es negative Aspekte hat. Wenn ein Anwalt einen Blogger abmahnen kann, der ein Haus fotografiert hat, an dem der Architekt die Bildrechte hat,egal ob er es selbst fotografiert hat, ohne dass der Architekt auch nur von der Abmahnung wüsste, dann ist das natürlich grotesk.

    Wie gesagt: Reformieren immer.

  7. ramses,
    dann sind wir ja d’accord, wie der werber sagt ;)

    ich habe mich auch bewusst etwas diskussionsanfachend ausgedrückt.

    hoffen wir mal, dass die aktuellen netzweiten diskussionen eine entsprechende konstruktive reform anschubsen.

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