Ratlose und enteignete Kulturvermittler und verselbstständigende Kulturproduzenten

Gestern unterhielt ich mich mit einer Presse-Agentur Kollegin über das kleine Projekt Zeitung 2.0, das ich bei DNAdigital angestupst habe und an dem ich grade eifrig schraube. So eifrig, daß ich von dem Thema Burda noch gar nichts mitbekommen hatte, obwohl das Zeitungsprojekt ja ziemlich genau ins Thema passt. Nur eben etwas in entgegen gesetzter Richtung. Das sieht mir ganz danach aus, als habe sich die oberste Verlagsriege überlegt – so lange, wie Zensursula noch so in Schwung und im Thema Internetz drin is, nehmen wir mal schnell noch was für uns mit, bevor sie sich wieder um andere Dinge kümmert.

Schwarzmalerei? Ich glaube nicht. Perlentaucher schreibt zu Burdas weitergehender Forderung nach “Transparenz im Internet” und dem Zugeständnis des Kulturstaatssekretär Neumann (“Wir brauchen Kooperationsvereinbarungen zwischen Providern, Rechteinhabern und Verbrauchern.”):

Wenn ein Verlag es fordert, soll der Internetprovider künftig Ihre Daten herausgeben müssen. Jeder soll im Internet identifiziert werden können. Das geht nur durch staatliche Kontrolle des Internets. Das meint Hubert Burda mit “Transparenz im Internet”.

Mein lieber Scholli, jetzt geht es aber rund. Ich hoffe inständig, daß sich das Thema schnell erledigt und die Herrschaften zur Vernunft kommen. Sonst lag der Herr Ulfkotte mit seinen Unruhen gar doch nicht so schief, nur daß sie nicht in Stadtteilen sondern gleich im Netz stattfinden. Da wird Zensursula aber wirklich mit lautem Gebrüll durchs Verlegerdorf getrieben. Aber wie Perlentaucher weiter auch bemerkt, wurde das Gesetz zu den Internetsperren nicht sonderlich kritisch durch die großen Blätter geprüft.

Wenn das mal gut geht… Und zur Not gibt es ja immer noch die Suchmaschinen und Provider, bei denen direkt abkassiert werden kann:

“Suchmaschinen, aber auch Provider und andere Anbieter profitieren überproportional von unseren teuer erstellten Inhalten. Doch wer die Leistung anderer kommerziell nutzt, muss dafür bezahlen.”

Zitat: FAZ

Suchmaschinen und Provider? Wer profitiert denn hier von wem?
Vielleicht verstehe ich ja auch etwas falsch, dann erklärt es mir bitte, aber wieso wollen die Verlage hier etwas von Providern und Suchmaschinen verlangen? Diese bieten dem Nutzer schließlich erst Zugang zu den Inhalten der Verlage. Fresh2null und Martin Oetting hat den Irrtum von Herrn Burda genauer ausklamüsiert, Google bsw. verdient schließlich keinen Pfennig mit dem Content direkt, sondern von Werbekunden, die mit Contenterstellung gar nichts zu tun haben, sondern Ihre Produkte verkaufen wollen. Werbekunden, die Herr Burda vermutlich gerne über seine Büchern laufen lassen würde. Verständlich, aber man kann nicht alles haben.Wobei Fresh2Null mit sehr beeindruckenden Zahlen von Google belegt und Sistrix zeigt, daß Google den Verlagen eigentlich noch entgegenkommt. Sonst kann man Google ja auch immer noch boykottieren, wie mediadigital vorschlägt :)

Und denen steht es doch völlig frei, Ihre Inhalte als Bezahlinhalte nur interessierten (und zahlenden) Lesern zur Verfügung stellen. Das Konzept hat sich ja auch schon als sehr gut funktionierend rausgestellt *hust*

Es geht also um ein Leistungsschutzrecht, das die <strong> Vermittler von Autorenwerken schützt</strong>. Ja, geht’s denn noch? Wie ich im vorherigen Artikel schon umrissen hatte, werden zukünftig immer mehr Kulturproduzenten auf die Vermittlungsleistung verzichten können. Hinzu kommen Expertenautoren, die ihre Expertise in den öffentlichen Raum bringen, ohne dafür eine Entlohnung zu erwarten, weil sie sich einfach gerne (und zu Recht) mit ihrem KnowHow

Irgendwie erinnert mich das gerade sehr an das Rumgeflenne der Plattenindustrie. Das Geschäftsmodell bröckelt, die Ideen zu neuen Ansätzen fehlen, oder wollen einfach nicht genutzt werden – also wird mal nach großer Rundumregulierung gerufen. Kaliban hat es auch erwähnt und ich weite mein Beispiel von DSDS-Sammel-Album und Elizabeth George Krimi gerne auch aus – wenn es morgen kein Geld mehr mit Boulevard Medien zu verdienen gibt, dann muß man sich vielleicht wieder auf Qualitätsjournalismus konzentrieren. Dafür sind nun genug noch bereit zu zahlen.

Plattenfirmen, Verlage, Filmproduzenten da draussen: Macht Euch verdammt nochmal Gedanken um neue Journalismus-Formate, innovative Verwertungs-Konzepte und Wertschöpfungs-Prozesse, statt nach Reglementierungen verlangen! Noch sind es nur Eure Kunden, die Euch abhauen und sich anderweitig nach den gewünschten Produkten und Dienstleistungen umsehen. Wenn Euch nicht bald etwas einfällt und Ihre auch keine Inhalt- und Kulturproduzenten mehr habt, sieht es aber echt übel aus.

Dann werden solche Geschäftsmodelle wie bei live.focus.de wohl nur noch bedingt funktionieren. Bürger laden unentgeldlich Ihre Inhalte hoch, mit denen der Verlag daraufhin ordentlich verdient. Und DAS soll der Statt auch noch schützen? via wirres.net

Kaliban trifft es recht gut auf den Kopp (und spricht mir damit auch was die Kulturproduzenten an sich angeht aus der Seele:

wenn man auch heute noch als Chefredakteur einer Fernsehzeitschrift 30.000 Mark monatlich verdienen könnte, wenn Auflagen und Werbeeinnahmen auch heute noch wie von selber steigen würden. Aber so ist die Welt nicht — wenn wir unsere Jobs behalten wollen, müssen wir eben ein bisschen härter arbeiten, ein bisschen schlauer sein, ein bisschen querer denken.

Für manche ist das Leben wohl wirklich kein Ponyhof… Und ich freu mich, daß ich morgen mal wieder übers reiten schreiben kann.

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