Welt Kompakt Scrolling Edition – Mitmach Erfahrungsbericht @weltkompakt #wk107

Welt-Kompakt-VS-BILD

Mir war ja schon klar, dass es von einigen auf die Nase geben würde für die Scrolling Edition, aber wie unreflektiert manche Meinungen sind, die ich bis jetzt gelesen habe, sind doch schon bedenklich.

Ich war gestern mit dabei, habe einen der Texte beigesteuert und einige der Teile des Blatts mitgestaltet, über die heiß diskutiert wird. Von daher will ich hier mal meine Eindrücke loswerden. Schnell runtergetippert.

Zunächst mal ein paar Reaktionen aufgreifen:

Am Bahnhof in Berlin habe ich eben vor der Rückfahrt 4 “normale Leute” angesprochen, die allesamt nichts mit Bloggen, Twitter etc am Hut hatten. Leider war mein Videocam-Akku alle, sonst hätte ich es aufgenommen:
Alle 4 fanden die Idee gut (bevor ich Ihnen sagte, dass ich da was mit zu tun hatte, selbstverständlich), das Format auf den ersten Eindruck praktisch und die ersten Texte ungewöhnlich über ganz gut bis mal was anderes. Grundsätzlich schlecht fand die Ausgabe keiner. Völlig begeistert und hin und her gerissen war auch niemand.

Das Format in dem man eher scrollt als blättert

Ja es ist erstmal verwirrend. Aber ECHT praktisch. Im Zug saß neben mit jemand, der irgendwann interessiert fragte, was das für ein praktisches Format wäre. Der gute musste seine BILD immer wieder zuklappen, wenn jemand durch den Gang kam. Vom Umblättern ganz zu schweigen, dann hatte ich nämlich immer die halbe Zeitung im Gesicht:

Ordnung muss nicht immer sein

Kress.de bemängelt

“eine vage Einordnung von Politik, Kultur oder Wirtschaft, aber wir nummerieren die Texte einfach durch. Dieser Ansatz erweist sich als schlecht, da Leser einer Zeitung nach Ordnung suchen.”

Tschuldigung, aber das ist verallgemeinerter Quatsch. Besonders so lange es noch nichts vergleichbares gegeben hat. Sicher  schätzen eine Menge Menschen die gewohnte Ordnung ihrer Tageszeitung um schnell zu erfassen, was für sie persönlich wichtig ist oder sich vorgeben zu lassen was für sie wichtig zu sein hat. Das ist schließlich eine wichtige Aufgabe von Journalisten. Aber man darf nicht immer von sich seiner Zielgruppe auf andere schließen. Ich für meinen Teil habe bei den anderen Texten sehr schnell heraus gefunden, in welches Ressort er gehört und welche Relevanz er für mich hat. Ich bin aber der Meinung, in einem solchen Experiment (das ich erst als gescheitert oder gelungen deklarieren kann, wenn ich entsprechende Daten habe) muss man gewohnte Strukturen auf- und alte Regeln sowieso brechen. Ausbaufähig und überarbeitungswürdig ist der Ansatz der WELT kompakt sicherlich. Aber nicht schlecht.

Wir wollten einen blogartigen Stil haben. Keine Tageszeitung, wie sie regelmäßig am Kiosk liegt. Das gibt es doch täglich 100-fach. Ich verstehe nicht, warum es einem EXPERIMENT angekreidet wird, dass es nicht das althergebrachte kopiert. Wir WOLLTEN doch was anderes machen. Ein Blog ist chronologisch sortiert. Nicht nach Ressorts. Also hatten wir bei der Scrolling Edition diesen Anspruch  nicht. In einem Blog stehen viele verschiedene Themen mit unterschiedlicher Recherche- und KnowHow-Tiefe, aber die wenigsten Blogs verstehen sich als Nachrichtenmagazin. Also haben wir uns entschieden, auf aktuelle Stories weitestgehend zu verzichten. Dafür hätten auch die mit viel Arbeit und Liebe erstellten Texte rausfliegen müssen.

Nachrichten als Shorties im Twitter-Stil

Der Vorschlag kam von mir, um zu verhindern, dass die vorgeschrieben Texte rausfliegen und weil ich für meinen Teil vermeiden wollte, dass wir einfach nur eine Zeitung wie alle anderen da draussen auch machen, die sich kein Stück abhebt und Blogger einfach nur mal versuchen, wie Schülerpraktikanten für einen Tag versuchen Journalisten zu sein. Wäre bestimmt auch eine lustige Erfahrung geworden. Hätte ich in dem Zusammenhang aber doch sehr unspannend gefunden.

Im Blatt stehen nur Belanglosigkeiten

Zugegeben, diese spezielle Ausgabe ist jetzt eher etwas zum Muße-Lesen. ABER: Daran zu messen, ob das Experiment gescheitert ist? Dafür muss man erstens wissen, wie die Erstellung der Scrolling Edition von Statten ging (dazu später mehr). Zweitens sollte man eher die Meinungen und Beurteilungen von Lesern abwarten, die nicht aus dem Web-Umfeld stammen. Ich hatte von ganz normalen Menschen auf der Straße überwiegend positives Feedback bekommen.

Jetzt mal zur Kritik von einem der dabei war

Klar, hätte einiges besser laufen können. Zum Beispiel (und hier spricht jetzt nicht ausschließlich gekränkte Eitelkeit aus mir *g*) hieß es ja, die Redaktion wird in die Hände der Blogger gegeben. Wenn ich dann aber für ein Bild, das keinen Bezug zu meinem Text hat und diesen auch nicht unterstützt 30 Zeilen rausfliegen müssen, verstehe ich das nicht. Versuch bleibt versuch. Und dann muss man auch mal was versuchen und riskieren.

Die Technik in der Redaktion war beeindruckend. Wir hatten wirklich alles, was man braucht. Wenn wir es drauf angelegt hätten 3 Rechner pro Nase. Aber die WLAN Zugänge hätten schneller verteilt sein können, damit wir schneller produktiv geworden wären. Es hätte genauere Infos zum Ablauf und wie wir uns noch besser vorbereiten können geben müssen, damit wir schneller UND produktiver hätten sein können. Zugänge zu den Agenturmeldungen warem zum Beispiel dann doch nicht so recht möglich. Wahrscheinlich hätten wir damit auch relevantere, bessere, interessantere Short-News hin bekommen.

An simple Tools wie Google-Docs oder ein Wiki, in denen wir zusammen arbeiten können, um schnell und effektiv Texte zu erstellen und Recherche-Ergebnisse abzulegen hatte irgendwie niemand gedacht. Auch hier wäre vor allem im Vorfeld noch einiges drin gewesen.

An die Redaktionswand wurden in regelmäßigen Abständen Ausdrucke der aktuellen Zeitung gepinnt. Nett, sowas in Reallife zu sehen aber: Eine regelmäßig aktualisierte PDF-Datei auf einem Server oder meinetwegen rumgemailt hätte wieder einen gehörigen Geschwindkeitsschub gebracht, wir hätten effektiver arbeiten können und Fehler werden eher aufgefallen. So habe ich bei Flyer-Freigaben vor drei Jahren schon gearbeitet und konnte nicht glauben, dass eine Zeitungsredaktion von Weltklasse da ausschließclih auf Papier setzt.

Dann wären sicherlich auch noch einige Layoutfehler, Abstände und Absätze korrigert worden.

Vielleicht wäre es das nächste Mal gut, wenn wir auch mit ans Layout dürfen ;) Die Sache mit den youtube Videos in der Mitte ist in der Tat etwas uninteressant. Da sollte eigentlich ein Video, bzw mehrere mit Tagesbezug hin. Aber wir haben die Seite irgendwie aus den Augen verloren.

Wenn “alte Hasen” mit gut gemeintem bremsen

Ein kleines Problem, was sich gleich zu Beginn der Redaktionssitzung einstellte war, dass einige Blogger, die alle bereits über reichlich Erfahrung als Journalisten verfügten rissen unbewusst das Heft an sich und nahmen den anderen für meinen Eindruck sehr schnell die Lust und den Mut mal etwas kreatives einzuwerfen. Da hätten die Leute aus der Redaktion reingrätschen und sagen müssen: “Ja, so arbeiten wir normalerweise, aber wir wollen heute ja mal etwas komplett anders machen.” und sich Vorschläge holen sollen.

Der Respekt eines Bloggers vor den “echten” Journalisten

Eine Sache habe ich für meinen Teil in dem Experiment mal GANZ deutlich gelernt. Eine gehörige Portion Respekt und Demut vor dem Job des Journalisten insbesondere was die nachrichten angeht. Denn ich habe mich freiwillig für das News-Team gemeldet. Leider konnte ich in dem Zeitdruck einen alternativen Vorschlag zum Umgang mit den Twitterartigen News nicht mehr anbringen, also wurde mir ein Ressort zugeteilt und es mussten Meldungen recherchiert werden.

Hölle, war das ein Stress! Und es ist nicht mal viel bei rumgekommen, weil wir a) wie gesagt nicht an die Agenturmeldungen rankamen und ich b) so doof war und mri Meldungen von anderen Newsseiten gezogen habe. Wie man das als Blogger so macht. Ohne dran zu denken, dass eine Zeitung natürlich schlecht als Quellenangabe Yahoo Buzz oder MSNBC angeben kann. Mein Fehler.

Die andere Sache war, dass ich am eigenen Leib mal gespürt habe, was ich ja schon immer behauptet habe: Blogger können sich Zeit nehmen wie sie wollen. Blogger können sich Themen aussuchen wie sie wollen. Sie können so viel schreiben wie sie wollen. Und haben Spaß dabei. Der Nachrichten-Journalist muss seinen Job machen. Pünktlich abliefern und kann sich nich eben mal was aussuchen. Das is schon nen ganz anderer Schnack. Hut ab! Und ich habe gelernt, dass es körperlich weh tut, wenn Dein Text immer weiter und weiter beschnitten wird :)

Fazit

Für mich persönlich ist das Experiment ein voller Erfolg. Ausbaufähig und man kann mit mehr Vorbereitung und noch mehr Mut beim nächsten Mal etwas noch besseres abliefern. Gar keine Frage. Und auch dann werden die meisten nörgeln. Und dann nochmal. Und dann nochmal. Und irgendwann haben wir dann vielleicht mal ein neues, tägliches Format auf Papier geschaffen, von dem vorher jeder gesagt hätte: “Pff, so einen Belanglosen Kram braucht doch kein Mensch”.

Ich würde mich über eine Fortsetzung des Experiments freuen, in das die Erkenntnisse des 30.Juni mit einfließen, aus dem sich etwas regelmäßiges entwickeln kann.

Im Meinungsblog gibt es übrigens auch einen “Live-Bericht” von gestern.