Rock’n’Roll-Replik, Blogger Relations und Social Media Strategie der Autoindustrie

Drüben bei mein-auto-blog hat Bjoern einige steile Thesen rausgehauen. Etwas missverständlich betitelt. Statt um Social Media Strategien der Automobilhersteller geht es vielmehr um Blogger Relations – also Beziehungen und Anknüpfungspunkte zwischen Unternehmen und Bloggern.
Und es geht darum, dass es neue Modelle zur Refinanzierung von Blogs, deren Reichweite und Arbeitseinsatz der Blogger braucht.
Da ich wieder ein bisschen mehr Back to the Blogging-Roots möchte, antworte ich Bjoern von hier aus und nicht in Kommentaren, auf Facebook oder sonst wo und verlinke auf sein Ursprungs-Postingbecause that’s what blogging is all about:
Das erste Statement haut schon ordentlich auf die Torte:
Einige etablierte Blogger und Blogs werden daher bereits heftigst von der Industrie umgarnt und es gibt einige gute Beispiele wie man die neuen Medien-Kanäle zu Botschaftern einer Marke werden lassen kann. Das hat nichts mit “gekaufter” Meinung zu tun, sondern basiert auf Meinungen und persönlichen Interessen.
Von umgarnen kann meiner Meinung nach keine Rede sein. Die Hersteller sind interessiert daran, was im Web aktuell passiert und nähern sich Bloggern an. Möchten ins Gespräch kommen. Die einen mit speziellen Events, die anderen laden Blogger zu den Presse-Terminen ein, die für Journalisten seit Jahrzehnten durchgeführt werden, wieder andere mit Testleihstellungen. Das mag von außen betrachtet wie umgarnen aussehen, ist aber eigentlich Kommunikations-Business as usuall Nur eben, dass nun der Kreis der Gesprächspartner etwas erweitert wird.
Aber:
Journalisten haben den Umgang mit Einladungen zu Presseveranstalungen gelernt. Sind mit der Zeit ran geführt worden. Von erfahrenen Kollegen gelernt, wie Objektivität bewahrt wird. Wenn nun ein Blogger Fotos des 5 Sterne Menus auf Foodwatch raushaut, die dann auch gleich bei TWitter und Facebook landen und auf YouTube eine Videoführung durchs Hotelzimmer postet, kann  hierdurch durchaus der Eindruck des Umgarnens aufkommen. Zudem wecken solche Einladungen natürlich Begehrlichkeiten. Aber hey – the times they are a-changing (YouTube Link – geile Version, die Eddie Vedder da abgeliefert hat).
“Es gibt Hersteller die verstanden haben, wie man diese Multiplikatoren in Ihrer Arbeit unter stützen kann. Und es gibt Hersteller, die wollen einfach das alte System mit neuen Multiplikatoren füllen.”
Hier fände ich Beispiele durchaus mal interessant. Wer macht Deiner Meinung nach seine Sache gut und wer will das alte System füllen? Und warum siehst Du das so?
Dabei stellt sich mir aber auch weiterhin die Frage: Wer soll das alte System ändern? Die Teile des Systems, die seit Jahrzehnten erfolgreich dabei sind, oder die Newcomer, die im System ihren Platz suchen? Nimm mal die Musikbranche als Beispiel: Die Musiker haben sich neue Wege gesucht und gefunden, wie sie sich unabhängig machen können von Plattenfirmen, Management und Verwertungsgesellschaften. Meinst Du so etwas?

“Bis das Internet kam. Plötzlich ist es keine Kunst mehr, seine Meinung, seine Story, seine Geschichten in die Welt hinaus zu posaunen.”

Vielleicht ist das Posaunen keine Kunst mehr. Reichweite zu erzeugen ist einfacher geworden, durch technische Linkspielereien bei Google möglichst weit oben zu stehen und dadurch den einen oder anderen Klick abzugreifen ist einfach möglich geworden. Sich in Gruppen zu organisieren und damit gegenseitig ggü. etablierten Kanälen zu unterstützen ist theoretisch sehr viel einfacher geworden, funktioniert praktisch aber auch nur bedingt und sehr langsam ;).
Gute und vor allem innovative Inhalte zu produzieren ist und bleibt aber immer noch eine Kunst.
“Die Industrie erkennt den Mehrwert der neuen Online-Kanäle. Doch anstatt auch ganz klare neue Finanzierungs-Modelle zu unterstützen will man lieber die alte “kostenfreie” Presse-Arbeit in neuem Gewand auf den Weg bringen.”
Ich wiederhole meine Frage nochmal:
Ist es die Aufgabe der Industrie Autos zu produzieren und diese auf effizienten und effektiven Marketing- und Kommunikations-Wegen zu verkaufen, oder ist es ihre Aufgabe, Finanzierungs-Modelle für “die Neuen” im Kommunikations-Mix zu finden und  zu unterstützen?BTW: Wo sind diese Finanzierungs-Modelle genau?  Wenn es bereits entsprechende Finanzierungs-Modelle gibt, sind die vielleicht noch nicht reif genug, oder werden noch nicht verstanden, das Potenzial wird noch nicht deutlich.
“Andernfalls bleibt Social Media immer eine Angelegenheit von kurzer Dauer. Kein Mensch der im Berufsleben steht, nebenbei einen erfolgreichen Blog führt, kann es sich erlauben, seinen Jahresurlaub im Dienste eines Industrieunternehmens zu verpulvern.”
Verlangt denn jemand seinen Jahresurlaub zu verpulvern? Wenn ich doch für mein Blog, mein Thema brenne, dann ist es kein verpulvern – dann ist es Spass an der Freude. Und wieder das Beispiel Musik: Nur weil ich der beste Gitarrist westlich des Urals bin, ist das keine Garantie dafür, dass ich reich und berühmt werde. Ich kann Dir eine MENGE super Musiker in meinem Familien- und Bekanntenkreis zeigen, die sich irgendwann gegen die unsichere Karriere als Rock-Star und für Familie, Beruf, Homes and Gardens entschieden haben. Tortzdem sind sie noch exzellente Musiker, die regelmäßig Konzerte spielen und einfach Spaß damit haben.
Aber wir sind doch hier in einer Findungsphase. Wenn Berufsleben und der erfolgreiche Autoblog kollidieren, ist der Blog vielleicht noch nicht erfolgreich genug. Oder das Alleinstellungsmerkmal nicht groß genug? Oder die Reihweitenerzeugung reicht nicht aus (wobei ich denke, das Reichweite gar nicht mal die wichtigste Kennzahl ist).
“Auf der anderen Seite können selbst sehr erfolgreiche Online-Kanäle die Kosten nicht durch Internet-Werbeanzeigen decken.”
Sehe ich komplett anders. Wer bloggen will, braucht kein Geld.
Wer bloggen will, der geht zu blogger.com, zu wordpresss.com zu tumblr, posterous oder wohin auch immer und legt los. Alles andere sind selbst auferlegte Pseudo-Qualitätsmerkmale.  Wenn ich einen eigenen Server will, eine teure Videoausrüstung, Werbung schalten oder in einen Web-Designer investieren will, dann muss ich genau das tun: Investieren.
Das Zauberwort heißt intrinsische Motivation. Etwas aus Spaß machen. Aus Selbstdarstellungstrieb. Aus Freude daran, anderen etwas zu zeigen. Oder aus Freude daran, wie kleine schwarze Pixel auf weißem Grund zu einem Posting werden, das einen zufrieden auf PUBLISH klicken lässt. Alles andere führt meiner Meinung nach nur zu verbitterten “keiner will mich mit Geld bewerfen”-Postings :-)
Bloggen heißt:
Ins Internet schreiben – manchmal auch mit Bild, Video, Tweet oder Podcast. Eine Meinung haben. Öffentlich nachdenken. Anderen Denkanstöße geben. Den Menschen da draußen interessante Geschichten erzählen,  spannende Produkte vorstellen, Menschen mit anderen Menschen zusammen bringen und vor allem: Menschen zu Wort kommen lassen und Spaß haben.
Ist das idealistisch und verdammt nochmal hoffnungslos romantisch?
KLAR! ist es das.
Bloggen ist ins Internet geballerter Idealismus, Fun und KnowHow. Und wer seinen Job gut macht verdient damit auch Geld. Siehe Sascha Pallenberg (Video-Interview hier – mit der wichtigsten Aussage: “Wer glaubt mit 8 bis 10 Stunden Tag ein Blog dahin bringen kann, wo Netbooknews.de steht, der täuscht sich” ) oder eben die Jungs drüben bei Chromjuwelen.
Und da ich die Metapher so mag:
Bloggen ist wie Rock’n’Roll. Ob ich es aus der Fußgängerzone ins Wembley-Stadion schaffe ist auch eine Frage des Glücks, der Eier, des Talents und des Durchhaltens
Und ob Du Dich dann auf der Bühne wirklich halten kannst, ein One-Hit-Wonder bleibst, weggebuht wirst oder irgendwann in der Blog-of-Fame landest steht ncoh auf einem GANZ anderen Blatt.
Es müssen neue Modelle her.
Jepp, da bin ich aber SOWAS von bei Dir Bjoern. Word! Unterschrieben, unterstrichen und !!!!1111EINSEINSEINSelf.
Aber für diese Modelle sind nicht die Hersteller und die Industrie verantwortlich. Dafür sind WIR verantwortlich. Und so lange WIR nicht etwas hinkriegen, was so sexy, profit-versprechend oder einfach nur Rock’n’Roll ist, dass jemand dafür eine “Anzeige kauft”, müssen wir aufhören rum zu jammern, dass wir vom Bloggen ja nicht leben können, den Hintern hoch kriegen und so lange unser Ding durchziehen und trotzdem immer wieder an Schräubchen drehen und etwas neues versuchen, bis wir selbst die Lösung finden.
Keiner kommt um die Ecke, zieht das Laken runter und präsentiert uns die Lösung, ähm das “neue Modell” auf dem silbernen Messestanddrehteller ;)
Ich bin da aber ganz optimistisch, dass da was geht :)

3 Comments

Red' mit und lass mich nicht dumm sterben!

  1. Dein “Back to the Blogging-Roots”, lieber Herr Kahl, gefällt mir. Und “Bloggen ist wie Rock’n-‘Roll” erst recht. :)

    Rock on!

  2. Merci :)
    Das Bild passt aber auch einfach zu gut. Es können nicht alle Stones sein. Deswegen kanns trotzdem Spaß machen ;)

  3. intrinsische Motivation – mag ich!