Urlaub mit Elektroauto geht auch: Mit dem Autozug der Deutschen Bahn und NISSAN LEAF nach Innsbruck

Mit LEAFy auf dem Transportwaggon in luftiger Höhe

Eines der Argumente gegen Elektroautos, die ich immer wieder zu hören kriege lautet “Die Reichweite ist zu gering”, “Damit bin ich zu unflexibel” oder eben auch “Was, wenn ich mit dem Elektroauto in den Urlaub fahren will?”

Ich weiß ja nicht, wie das bei Euch so in Kinderzeiten war, aber der Urlaub in den großen Ferien wurde immer minutiös weit im Voraus von meinen Eltern geplant. Manche Äpfel fallen auch mal gerne etwas weiter vom Stamm und rollen dann auch noch den Hügel runter – will sagen: Ich bin in der Regel eher der kurzfristige Planer und Packer was Reisen angeht :)

Das Highlight und gleichzeitig Hauptgrund für die lange Vorlaufzeit für die Ferien meiner Kindheit war ein zwingender: Wir waren zehn oder elf Jahre lang jeden Sommer auf Föhr und haben dort Urlaub auf dem Bauernhof gemacht. Also meine Eltern am Strand – ich auf dem Bauernhof :) Da es sich bei Föhr um eine Insel handelt, braucht man eine Fähre um rüber zu kommen und wenn man diese Fähre – zumindest den Autostellplatz dort nicht weit im Voraus bucht, kommt man allenfalls als fußgehender Passagier über die Nordsee.

Tja und genau eine solche Reise hatte ich mir mit LEAFy auch vorgenommen. Während des TBTO Projekts bekamen wir Teilnehmer das Angebot der Deutschen Bahn, einmal denAutozug zu testen.

Wie früher: Quasi eine Fähre nur ohne Wasser. Das Auto kommt auf einen Transportwagen am Zug – so wie man sie auch hin und wieder voll mit Neuwagen beladen sieht – und wird mit den Fahrern im Schlafabteil an den Urlaubsort gebracht.

Von welchem Bahnhof aus wohin überhaupt fahren?


Meine Anfangseuphorie “Cool, mal schauen, wo wir so alles vom Bahnhof aus hinfahren können.” wurde zunächst etwas gebremst, denn der Autozug fährt nur aus ganz bestimmten deutschen Bahnhöfen ab, die mit den entsprechenden Verladestationen ausgestattet sind. Welche das genau sind, lässt sich hier auf der Autozug Webseite der Bahn nachlesen. Berlin und Hamburg waren uns wegen der noch etwas ünnen Lade-Infrastruktur zu unbequem, aber Düsseldorf passte perfekt! Durch die Schnell-Lade-Station an der Autobahnraststätte in Schwerte können wir Düsseldorf in knapp 2 Stunden erreichen.

NISSAN Leaf an 30-Minuten Schnellader in Schwerte

Fehlte nur noch die Auswahl eines passenden Ziels. Erste Idee war natürlich ans Meer zu fahren. Italien! So wie unsere früher mit Ihren Käfern an die Adria geboxert sind. Problem dabei: In Italien sind E-Tankstellen Mangelware und irgendwie ist es auch keine Herausforderung, mit einem Elektroauto in topfebender Meeresumgebung herum zu fahren.

Eines der angebotenen Ziele allerdings war Innsbruck und mir fiel wieder ein, dass die “Hauptstadt der Alpen” auch gleichzeitig die von Tirol ist. Und das ist wiederum trotz der Berge eine ausgesprochene Elektomobilitäts-Gegend.

Erstmal hin zum Autozug nach Düsseldorf

Die Wahl war getroffen und nach ein paar Tagen lagen schon die Tickets auf dem Tisch. Und damit auch die Anweisungen, wann wir wo und wie für die Verladung am Bahnhof zu sein hätten. Außerdem musste die Alarmanlage ausgeschaltet sein (30 Minuten Handbuchwälzen später wusste ich dann auch, dass ich die Alarmanlage des LEAF nicht ausschalten musste *g*), Spiegel angeklappt, Handbremse angezogen usw.

Das Gepäck kann während der Zugfahrt im abgeschlossenen Auto bleiben. In den (Nacht)-Zug nimmt man nur mit, was man so an Verpflegung, Wasch- und Übernachtungszeugs so braucht.

Viel zu planen hatten wir dank der Abreise in Dü-Dorf nicht. Zur Sicherheit, falls der Schnellader ausgefallen sein sollte, sind wir nur sehr zeitig morgens um 10 losgefahren. Am Zug mussten wir ersten gegen 16.30 sein. Aber sicher ist ja sicher ;) Sollte der Qucikcharger nicht funktionieren, könnten wir immer noch auf die normalen RWE-Ladesäule mit 16 Ampere ausweichen und hätten mit ca. 3 Stunden Ladezeit ausreichend Puffer nach hinten.

“Es ging sich aber auch so aus” wie der Österreicher sagt. Nach einer kleinen Bummelei durch Düsseldorf standen wir pünktlich um 16.30 am Checkin des Deutsche Bahn Autozugs:

Mit LEAFy am Autozug Checkin

Ein bisschen mulmig ist die Fahrt auf den DB Autozug schon erst ;)

So standen wir also da recht weit vorn in der Schlange und warteten, dass man uns auf den Zug lässt. Also zuerst mich mit dem LEAF – Angie und ich als Passagiere kamen erst danach in den Personenzug. 5 Minuten nachdem wir angekommen waren, wurde es laut hinter uns: 10 holländische Fans italienischer Motorkultur reihten sich hinter uns mit ihren Ferraris und Lamborghinis auf. Der Witz war: Kurz schauten die anderen Wartenden rüber und interessierten sich dann doch wieder mehr für unser Elektroauto. Das hatten die Oranje-Jungs so auch noch nicht erlebt. Aber immerhin hatte der Gallardo Spyder die korrekte Farbe: National-Metallic ;)

Ferraris und Lamborghinis am Autozug Chek-In

Dann ging es drauf. Dem Bahnmitarbeiter habe ich die Fahrkarte fürs Auto in die Hand gedrückt. Dafür bekam ich den Zielortzettel für INNSBRUCK aufs Armaturenbrett und er wies mir Bahn 4 zu, die ich entlang fahren sollte “bis es nicht mehr weiter geht, sehen Sie dann schon”. Ähm ja. Ok. Also einmal um die Hütte rum gefahren und dahinter verbarg sich dann eine Auffahr-Rampe, die ich allenfalls noch aus Colt Seavers Folgen kannte. LEAFy sollte auf das “Oberdeck” des 2-stöckigen Zugs. Prinzipiell sind das die gleichen Transport-Waggons, die man ab und an mal randvoll mit Neuwagen durch die Weltgeschichte schippern sieht.

Als ich aber erstmal drauf war, stellte ich zwei Dinge fest: So ein Waggon ist hoch und die eine Spur die ich entlang fahren musste eher schmal. Immer wenn ich links oder rechts an die Fußgängerkante gestoßen bin quietschten die Reifenflanken lustig vor sich hin. Bin schon lange nicht mehr so ausgiebig nach Gehör gefahren :)

Mit LEAFy auf dem Transportwaggon in luftiger Höhe

Das krasse waren die Übergänge zwischen den Waggons. Auf dem Bild da oben kann man es nur erahnen, aber das sind kleine Schanzen. Wenn ich mich nicht auf mein eigenes Fahren hätte konzentrieren müssen, hätte ich mir an diesem Punkt doch tatsächlich Gedanken darüber gemacht, ob sich die Holländer darüber Gedanken gemacht haben, wie sie ihre Flundern hier drüber kriegen ohne auf der Mitte des Unterbodens hängen zu bleiben.

Nach einer gefühlten Ewigkeit des Geschicklichkeitsfahrens, die eigentlich keine 2 minuten dauerte, stellte ich das Auto ab und tat, wie in den vorab geschickten Unterlagen geheißen war: Spiegel anklappen, Antenne abschrauben, letztes Gepäck mitnehmen, Lüftungsschlitze schließen, Auto ausmachen und abschließen.

LEAFy auf Deutsche Bahn Autozug

Dann lief ich den Weg, den ich gefahren war wieder zurück. Genau. Auch auf der Transportfläche. Die schmalen, dunkelgrauen Streifen, die Ihr oben links und rechts seht, sind der Fußweg auf dem man an den Autos vorbei muss. Jeder Centimeter Platz wird natürlich ausgenutzt. Die gelben Stahlseite dienen als Geländer und dass man nicht vom Waggon stolpert. Ich glaube, das ist nix für Leute mit Höhenangst. Zu denen ich mich eigentlich nie zählte – später in Innsbruck auf dem Berggipfel sollte ich eines besseren belehrt werden :)

Das hier war auf jeden Fall easypeasy und über eine Treppe kam ich runter auf den Personenbahnsteig, auf dem Angie schon mit dem Nacht-Gepäck auf mich wartete. Auf dem Weg kamen mir noch einige Moppedfahrer entgegen, die ihre Karren auf dem Unterdeck abstellen udn vor allem ihre Köppe einziehen mussten:

Motorradfahrer auf Autozug

Auf dem Bahnsteig unterhielten wir uns mit einem Ehepaar, das seit über 20 Jahren mit dem Autozug in den Urlaub fährt. Ich dachte bis dahin, die Autozug-Geschichte gibt es erst seit kurzem. Die beiden Profis, die mit Ihrem BMW 3er Cabrio unterwegs waren klärten mich auf, dass es den Zug schon seit den 30ern gäbe. Genau genommen seit 82 Jhren. Auf meine Frage warum sie so auf die Bahnfahrt schwörten meinte die Dame des Hause:

Naja, es ist schon etwas teurer und dauert etwas länger als selber fahren. Aber wissense was? Für mich fängt der Urlaub jetzt hier auf dem Bahnsteig schon schon an und nicht erst, wenn wir in Österreich vno der Autobahn fahren. Das ist Entspannung pur – werden Sie ja heute selbst erleben!

Sie sollte Recht behalten. Allerdings hieß es erst einmal warten, warten poparten. Mindestens 1 1/2 Stunden bis der Passagierteil des Zuges angekommen bzw. begehbar war. Also schlürften wir einen Kaffee bei Starbucks, da man als Autozug-Passagier keinen Zutritt zur DB-Lounge hat.

 

Ein Hotel auf Schienen

Normalerweise fährt man auf dem Autozug immer gemeinsam mit seinen Autos. Also beide Waggonarten hängen zusammen. Unsere Mitfahrer erklärten uns dass es ganz selten vorkommt, dass die Züge getrennt fahren. Nach der Wartezeit waren wir nun gespannt, unser Domizil für die nächsten 12 Stunden zu sehen. Wer sich jetzt wundert: Die Fahrtstrecke von knapp 750km müsste eigentlich schneller überwunden werden können – klar, aber nicht mit 50 Autos im HuckegePäck ;) Der Autozug fährt keine ICE Geschwindigkeit und weicht als Nachtzug ab und an auch schnelleren Zügen aus und wartet. Dafür hält er auch nur noch einmal auf der Fahrt in München an und fährt sonst durch.

Schlafwagen-Abteil im Autozug

Auf der Hinfahrt hatten wir ein Schlafwagenabteil und das war im wahrsten Sinne des Wortes erste Klasse! Selbst an 2 Flaschen Wasser und 2 Käfer Merlot hatte man gedacht :) Geschlafen wurde auf zwei ausklappbaren Betten. Eines seht Ihr da oben im Bild als beige Fläche über den Kopfstützen. Das ist das obere Bett. Die Sitzlehnen wurden umgeklappt und das ergab dann das zweite Bett. Allerdings war dann an fotografieren ohne 9mm Weitwinkel nicht mehr zu denken ;) Die Betten mussten wir auch nicht selber herrichten, das übernahm die Schaffnerin für uns – die uns auch mit den aktuellen EM-Vorgruppenspiel-Ergebnissen versorgte. Zudem hatte das Abteil noch eine eigene kleine Wascchgelegenheit mit Trinkwasser in versiegelten Joghurtbechern. Wie gesagt – an alles gedacht :)

Waschgelegenheit im Autozug

Bevor wir uns ans Schlafen machten, packten wir erstmal unser Essen aus. Auf einen Tisch, der ein bisschen an eine Mischung aus Bügelbrett, Surfboard und Heckspoiler erinnerte. So schmal wie er auf dem Foto aussieht, so schmal war der Tisch auch. Passte aber alles prima drauf.

Spaghetti alla Arrabiatta im Autozug

“Hast Du eigentlich die Handbremse angezogen?”

Mir blieben die Spaghetti fast im Hals stecken. Kennt Ihr das? Ihr seid Euch eigentlich TOTAL sicher, alles richtig gemacht zu haben und dann fragt jemand eine banale Frage, die Euch das Herz in die Hose katapultiert. Verdammt, war ich verunsichert und ging im Geiste nochmal alle Schritte durch, die ich gemacht hatte, als ich das Auto verließ. Eigentlich ziehe ich immer die Handbremse, egal bei welchem Auto und egal wo es steht. Besser haben als brauchen lautet die Devise. Aber jetzt war ich mir nicht mehr sicher. Hatte ich? Oder hatte ich es im Stress verpeilt. Die nächste Stunde zuckte ich bei jedem Rumpeln zusammen und bei kurzen Stops auf Nebengleisen versuchte ich aus dem Fenster zu schauen, ob LEAFy noch an seinem Platz stand oder schon die Autos vor und hinter ihm mit seinen 1,5 Tonnen Akku-Power zusammen geschoben hatte.

Irgendwann fiel mir ein, dass der bahnmitarbeiter ja noch Krallen an die Räder gemacht hatte und beruhigte mich mit der Vorstellung, dass die Dinger wohl reichen werden MÜSSEN.

Trotzdem wunderbar geschlafen

Auch wenn ich von herumrollenden Autos geträumt habe, war die Nacht von ca. 0:00 bis 5:30 zwar kurz aber erholsam. ich wachte auf, als der Zug in Kufstein hielt, um _frische Brötchen_ fürs Frühstück einzusammeln! Vielleicht war es sogar der Duft der Semmeln, der mich geweckt hat. Der Blick aus dem Fenster war jedenfalls phänomenal:

Berge zum Frühstück im Autozug nach Innsbruck

Kennst Du die Beeeerge, die Bergeeee Tirooools

…das Dörfchen Kuuuufstein, ja das kennst Du wooohl. Meine Freude aufs Frühstück und aufs bald da sein brach sich im vormichhinsingen des Kufstein-Lieds Bahn und konnte von Angie auch erst mit einem Brötchenknebel unterbunden werden :) Der Service an Bord war wirklich toll. Das habe ich auf Business-Flügen schon deutlich weniger ambitioniert erlebt. Das Frühstück war prima und kurz nach dem wir aufgegessen hatten, bereiteten wir uns schon auf die Ankunft in Innsbruck vor.

Frühstück im Autozug kurz vor Innsbruck

Schon interessant, wie sehr man sich in knapp 12 Stunden häuslich einrichten kann :) Nichtsdestotrotz hatten wir unsere Plüdden passend zur Einfahrt in den Bahnhof Innsbruck beisammen. Nachdem wir uns von unseren Mitreisenden und unserer reizenden Zugbegleiterin verabchiedet hatten, machten wir uns auf den Weg zum Verlade-Terminal um LEAFy von seinem Thron runte rzu holen. Innerlich ging mir ja die Handbremse nicht aus dem Kopf. Als ich die fliegenübersähte aber ansonsten WasNase unsereres Stromers sah, fiel mir dann doch ein Stein vom Herzen :) Natürlich hatte ich die Handbremse angezogen. Puha.

Autozug Verlade-Terminal Innsbruck

Was war eigentlich mit den Lambos und Ferraris?

Ach ja, das war durchaus ein Schauspiel. Is halt breit :-)

Lamborghini Gallardo Spyder verlaesst Autozug in Innsbruck

Um mal die Zeit zu verdeutlichen, die der Kollege bis dahin gebraucht hat (manche bevölkern in derselben Zeit ganze Landstriche *g*) hier ein Video:

Damit ging es für uns dann auch in eine einmalige Elektro-Mobilitäts-Woche in Tirol. Dazu dann später mehr.

Und der Rückweg?

Ach ja. Da war ja noch was. Eigentlich war der Rückweg genauso easy und entspannt. Mit dem Unterschied, dass wir da nur noch einen Liegewagen hatten. Der hat eben keine Betten, sondern man legt sich in eine Mischung aus Bettlagen und Schlafsack auf die Sitzreihen. Ging auch, aber nach dem Luxus der Hinfahrt war ich verwöhnt ;) Außerdem waren die Holländer im Abteil vor und hinter uns. Und wie das immer so is, wenn Jungs auf Ausflug sind:
Sie haben halt gefeiert. Wir hatten Ohropax. Alles gut also.

Was mich allerdings mehr als gewundert hat war, wie geizig man in den Niederlanden anscheinend ist:

Sportwagen für mehrere hundertausend Euronen auf dem Zug, aber mit 10 Mann zwei Abteile buchen und zusammen gekauert im Sitz pennen. Da passt doch was nicht, oder? :-D

Mein Fazit Autoreisezug

Immer wieder! War super entspannend und spaßig. Ich weiß nicht genau, wie sich die Strecke Bielefeld – Innsbruck so mit dem Auto fährt, mag sein, dass das auch Laune macht, aber das Gefahrenwerden im Zug hat mir mehr als gefallen.

Was wir dann alles in Innsbruck und Tirol erlebt haben, erfahrt Ihr die Tage…

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