Recht haben und Recht geben

Keine Angst, dieser Beitrag ist jetzt keine Hommage an meine bescheidene Juristen-Vergangenheit. Vielmehr hat Gunter Dueck in der aktuellen Folge von “Die Welt fragt, Gunter Dueck antwortet” eine wunderbare Geschichte erzählt, die eines der zentralen kulturellen Probleme in Deutschland beschreibt, wenn es um Innovation geht:

Wir wollen immer Recht haben. Können aber nur selten Recht geben.

Es geht um Innovation. Um neue Erfindungen. Teilweise Spinnereien – die dann Wirklichkeit werden. So zum Beispiel dass Jeff Bezos amazon genauso wie es heute dasteht vor 15 Jahren bereits geplant hat. Als Cloud-Unternehmen, mit verteilten Servern und irgendwie gleichzeitig als größtes, virtuelles Kaufhaus der Welt.

In der Geschichte, die wunderbar die unterschiedlichen Herangehendweisen von Amis und Deutschen an neue Ideen erzählt, beschreibt Gunter Dueck, wie er damals noch in IBM-Zeiten bei einem Ideen-Casting / Innovatoren-Wettbewerb in den USA saß und “schon an den Nägeln kaute, weil die Vorschläge so schlecht waren” :)

Er wollte aufspringen und sagen: “Ihr könnte den Quatsch doch nicht wirklich eine Runde weiterlassen. Das funktioniert nicht. Aus den und den und den Gründen. Seht Ihr das denn nicht?”

Denn die amerikanischen Kollegen riefen die ganze Zeit “WOW, gute Idee! Great George! usw.”

Ganz zum Schluss, nach beliebigem Loben meinte dann einer: “Eine Frage habe ich kurz noch, das fehlt uns bei dem Vorschlag noch: Was soll das denn später mal kosten?”
“Hmmm, das habe ich mir noch nicht überlegt.”
“Siehst Du, das fehlt uns noch ein bisschen.” Es folgten noch einige weitere Fragen, die ans Eingemachte gingen und gaben auf positive Weise das Gefühl, wenn diese Fragen beantwortet werden, dann wird es was.

Das geht uns hier in Deutschland noch ab. Es wird zu wenig ermutigt. Statt dessen ist man zu negativ und sucht direkt das Haar in der Suppe. Fischt es raus. Vergrößert es um 10.000:1, rahmt es dreimal ein und klatscht es dem Betreffenden auf den Tisch, an die Wand und zu Hause übers Bett :)
Das Problem ist nur nicht DASS Kritik und Feedback geäußert wird, sondern das WIE. Alle Dinge aufzählen, die falsch und schlecht und nicht praktikabel sind bringt dem Betreffenden eben nichts.

Das was etwas bringt ist, denjenigen selbst erkennen zu lassen, wo die Probleme sind. Denn mit Selbsterkenntnis kommt auch die Motivation, die Probleme zu lösen.

Zu oft denken wir hier noch, immer gleich die Lösungen um die Ohren zu hauen. Ich bin mir nicht sicher, woran das liegt. Vielleicht weil es schneller geht und auf den ersten Blick effektiver erscheint. Geht mir ja auch oft so. Wenn ich die Lösung für ein Problem zu sehen glaube, dann sage ich dem Problem-Haber: “Das und das ist Dein Problem. Dies und jenes ist die Lösung. Mach das doch so.”
Wenn diese offensichtlich richtige und total tolle, einfache Lösung nicht angenommen wird stößt mein Verständnis an seine Frustrations-Grenze. Bis ich mir wieder vor Augen führe, wie ich selbst reagiert hätte, wenn mir jemand einfach eine ToDo-Liste oder Anleitung dahin klatscht, ich aber die Lösung doch selber entdecken und finden will.

Was mache ich in solchen Fällen? Richtig. Ich klammere die erhaltene Lösung aus und suche nach einer anderen :)

Naja, Selbsterekenntnis ist der erste Weg zur Besserung. Da muss ich mir selbst Recht geben. Und kann es gleichzeitig sogar haben :)

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Red' mit und lass mich nicht dumm sterben!