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100 Tage mit der kleinen Paleo Piratin

100 Tage mit der kleinen Paleo Piratin

Gestern wurde unsere Tochte 100 Tage alt. Und wie man das bei einer Regierung nach 100 Tagen macht, ist es auch für uns wieder an der Zeit einen Blick zurück zu werfen.
Was soll ich sagen? Sie ist und bleibt der Hammer! Hätte ich doch nur vor ein paar Jahren schon gewusst, wie einfach das alles ist :)

Zugegeben:
Einen ganz großen Anteil daran, dass uns das Elternteil so leicht fällt, dürfte an unserer überwiegend durch Paleo und damit möglichst natürlich geprägten Kinderaufzucht liegen. Hier mal ein paar unserer wichtigsten Erkenntnisse in Sachen Paleo-Erziehung bis jetzt:

Ständiger Körperkontakt

Seit 100 Tagen hat unsere Tochter meinen oder Mamas Körper (Tragetuch, Arm, Bauch, Schulter) nur für einige Minuten verlassen. Sie ist eigentlich ständig an einer von uns dran. Auch wenn uns das immer wieder unverständliche Blicke und Kommentare einhandelt:

“Ihr müsst sie doch ablegen! Das Kind muss lernen alleine zu liegen. Die muss doch auch mal schreien”

Wir fühlen uns einfach am wohlsten damit. Und unsere tiefenentspannte Tochter gibt uns bisher recht.

Kein schreien

Die paar Male, die die kleine in den letzten drei Monaten länger als 10 Minuten geschrien hat, kann ich an einer Hand abzählen. Wenn sie in irgendeiner Form unzufrieden wirkt, versuchen wir den Grund zu finden und zu beseitigen: Windel? Hunger? Schlafen? Langeweile? Darüber schrob ich bereits in unserem 4 Wochen Rückblick. Vermutlich hängt das wiederum mit unserer Ernährung zusammen, die im Wesentlichen aus Gemüse, Fleisch, Eiern, guten Fetten, Fisch, Obst und Nüssen besteht. Angie supplementiert ihren erhöhten Bedarf an Calcium und Magnesium momentan und nimmt zusätzlich noch was von meinem Omega-3 Fischöl ab und zu.

Koffein haben wir schon in der Schwangerschaft so gut wie vollständig sein gelassen. Dadurch schlafen wir auch gut, viel und tief. Das dürfte maßgeblich zu unserer entspannten Haltung beitragen, die unsere Hebamme immer wieder bemerkenswert fand. Auch wenn wir meinten “WIR SOLLEN ENTSPANNT SEIN??? WAAAAAH PAAAAANIK!” und sie dann so: “Ihr seid megatiefenentspannt. Ich kann Euch gerne mal zu Panikeltern mitnehmen :-)”

Wenn doch mal Schreien: Sofort trösten.

Ein Baby lebt wortwörtlich noch in der Steinzeit. Es lebt nach seinen Instinkten. Wenn es plötzlich alleine irgendwo liegt, bedeutet das für Babys instinktiv: LEBENSGEFAHR!
Das mag für uns Erwachsene in unserer zivilisierten Welt lächerlich klingen. Aber versetzt Euch mal in die Lage eines Mini-Menschen, der gerade ein paar Wochen auf dieser Erde ist. Keine Sprache versteht und selbst die rudimentärsten eigenen Körperfunktionen gerade erst zu verstehen lernt: Woher in dreiteufelsnamen soll Baby denn wissen, dass es KEINE Wölfe oder Bären in der Nähe gibt, die es holen kommen? Schreien ist Ausdruck von höchster Not und Todesangst und die einzige Chance in der freien Natur das Überleben zu gewährleisten.

Sofortiges trösten hat deswegen nichts mit verwöhnen oder verweichlichen zu tun. Sondern bedeutet vielmehr, instinktiv den gesamten Stamm davor zu schützen. Denn  das Geschrei von Jungtieren in der freien Natur zieht unweigerlich Fressfeinde auf Suche nach leichter Beute an.

Übrigens – und das muss ich Euch erzählen, weil es mich so schockiert hat:
Unsere Erziehung in Deutschland basiert teilweise heute IMMER NOCH auf dem Nazi-Ratgeber “Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind”, der bis 1987 Verkaufsschlager unter den Erziehungsratgebern war. Der NS-Lungenfachärztin und Laienerziehungsratgeberin Johanna Haarer haben wir noch immer Tips zu verdanken wie diesen, wenn Kinder bsw. weinen:

“Dann, liebe Mutter, werde hart! Fange nur ja nicht an, das Kind aus dem Bett herauszunehmen, es zu tragen, zu wiegen, zu fahren oder es auf dem Schoß zu halten, es gar zu stillen. Das Kind begreift unheimlich rasch … – und der kleine, aber unerbittliche Haustyrann ist fertig.”

Ich kann Euch nur empfehlen Euch diese Berichte des WDR einmal anzusehen, die noch bis April in der Mediathek online sind.

Hier wird die üble Erziehungsmethode erklärt, die für gehorsame und fügsames Menschenmaterial sorgen sollte:
http://www1.wdr.de/fernsehen/frau-tv/erziehungsideale100.html

In diesem Interview berichtet die jüngste Tochter darüber, wie Haarer bis ins hohe Alter Ihre zweifelhaften Methoden verteidigt hat.
http://www1.wdr.de/mediathek/video/sendungen/frau-tv/video-gertrud-haarer-ns-erziehung–100.html

Susanne von geborgen wachsen hat auch einen wunderbaren Artikel zu Johanna Haarer. Sorry, wenn ich euch mit der Nazierziehungsratgeberin die Laune versaut habe, aber ich finde es unheimlich wichtig, sich vor Augen zu führen, woher viele unserer eigenen Prägungen und die unserer Eltern und Großeltern kommen. Nur so können wir uns bewusst, aufgeklärt und entschlossen für eine andere Vorgehensweise entscheiden. 

Jetzt mal wieder zu netteren Themen und unsere hunderttägigen Piratin :)

Was hat sich verändert?

  • Eine volle Windel ist überhaupt nicht mehr dramatisch. Das hätte ich nicht gedacht, dass sich das so schnell verändert.
  • Sie kann lächeln!
  • UND herzhaftst lachen!!
  • aber auch mal aus voller Seele weinen – als das erste mal richtige Tränen flossen, brach es uns fast das Herz. Da hilft nur sofort trösten, schnell den Grund finden und Babys Problem beseitigen
  • sie kann manchmal wunderbar seufzen als würde die Last der Welt auf ihren Schultern liegen
  • Nach 6 Wochen war schon der ERSTE ZAHN DA! Kein Witz. Der zweite scheint bereits unterwegs zu sein. Verrückt.
  • Sie schläft natürlich noch nicht durch und das ist gut so! Trotzdem ist das eine der meistgehörten Fragen :) Sie will idR nachts alle 3–4 Stunden essen bzw trinken. Der Durchschlafrekord lag bisher in nur einer Nacht bei 9 Stunden. Da haben wir uns morgens dann doch etwas erschrocken.
  • Krabbeln als Bewegung auf der Stelle geht schon. Allerdings von der Stelle weg bewegen fehlt noch :)
  • Jeden Morgen begrüßt sie uns mit einem wunderbaren Lächeln.
  • manchmal ist das Baby ein Blähby :)
  • Sie mag keine Schnuller und ich finde das sehr gut. Statt dessen nuckelt sie nach 40 Minuten stillen einfach noch weiter zur Beruhigung. Auf dem Schnuller wird allenfalls ein bisschen rumgekaut
  • Baby-Apps sind sehr hilfreich! “Oje ich wachse” gibt ein Gefühl dafür, wann in etwa ein Entwicklungsschub statt findet und was dann so ungefähr in dem kleinen Kopf und Körper vorgeht.
    Bestes Baby Tagebuch ist unsere Quantified Baby App. In der wir Stillen, Schlafzeiten, Windeln, Vitamin K und Vitamin D-Gabe eintragen usw. Auch wenn sich das für manche nach Overkill und Nerd-Eltern anhören mag: Alleine an den Schlafphasen können wir erkennen, ob gerade der Entwicklungsschub einsetzt oder wir können uns damit erklären, warum doe kleine Piratin manchmal nicht so gut drauf ist.
  • Faszinierend finde ich, wie sie auf Gesichter reagiert. Und zwar nicht nur auf die von Menschen, sondern auch auf die von Stofftieren.
  • Und wie sie bereits ihren gehäkelten Kumpel Fuchs in den Arm nimmt
  • Die Fingernägel werden nach wenigen Tagen ohne Maniküre zu scharfen Waffen und ich denke dann, dass da ein paar Wolverine-Genein einer unserer Familien liegen müssen
  • Großartig sind ihre Versuche, auf Dingen rumzukauen, die VIEL zu groß für ihren Mund sind. Herzzerreissend dann aber auch die Frustration, die sich dann breit macht
  • Sie kann sich vom Rücken auf den Bauch rollen und schimpft dann wie ein Rohrspatz. V.a. wohl weil das zurückdrehen noch sehr anstrengend ist
  • Ich habe mir Silikonbeisshilfen in Form von US Army Erkennungsmarken gekauft :) Cooles Daddy-Zubehör
  • Sie liebt immer noch Musik und rumgetanzt zu werden
  • Insbesondere zu irischer weiderindmusik von Cara Dillon, aber auch Kettcar, Mountain Goats, Star Wars Soundtrack und Nine Inch Nails kommen gut an
  • Ihr Immunsystems ist schon fit genug, um meine Zweiwochenbronchitis abzuwehren
  • Sie kann schon wunderbar empört gucken, wen. WIR sie morgens wecken statt sie uns :)
  • Ein großer Teil unseres Lebens spielt sich immer noch auf dem Familien-Futon ab. Wer sagt denn, dass ein Wochenbett nicht auch Monatsbett sein darf? ;) Und arbeiten kann man da auch prima.

Einziger Wermutstropfen: Das niedliche Grunzen, wegen dem wir sie unsere kleine Piratin nennen hat sich schon verwachsen. :( Den 19.9. werden wir trotzdem als Familienfeiertag behalten :=)

Soviel erstmal zu unserer 100 Tage Wasserstandsmeldung :)