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“Abgeflogen” Buch-Rezension – Was machen Flugbegleiter eigentlich so in der Freizeit?

“Abgeflogen” Buch-Rezension – Was machen Flugbegleiter eigentlich so in der Freizeit?

Ok, eigentlich müsste es heißen: Was machen Flugbegleiter in der freien Zeit unterwegs, wenn sie nicht arbeiten müssen oder auf Streik sind: Also sich um Passagiere an Bord eines Flugzeugs kümmern.

Aus der extrem sicherer Luftfahrt-Quelle Kofferleben weiß ich, dass der Skurillitätsgrad der Ereignisse im Buch von Aurel Levy keineswegs an den Haaren und unter der Pilotenmütze herbei gezogen sind. Wenn auch die dicht aneinander gereihten Haarsträubungen schon eher ungewöhnlich sind. Das verteilt sich sonst auf zwei Touren statt auf eine :-D

Hauptfigur Hans-Herbert (heißen Leute heute wirklich noch so?) ist Flugbegleiter-Anfänger und müsste eigentlich kurz vor Weihnachten für seine Nerv-Freundin und Familie einen Karpfen tot schlagen. Doch dann kommt erst ein Brief, dann eine Flug-Tour nach Tokio dazwischen und dann alles anders als man denkt. Zwischendrin gibt es noch viel Wodka, Whirpool-Roulette und wilde Schneemobilheizereien durch die sibirische Winterwelt. Mir fiel es schwer mich mit dem Charakter zu identifizieren, trotzdem macht es Spaß ihm zuzulesen. Auch wenn ich bei jeder zweiten Aktion “NUN MACH SCHON ENDLICH!” rufen und ihn freundlich in die richtige Richtung schubsen möchte ;) Vor meinem inneren Auge hatte ich die ganze zeit Klaus aus Manta, Manta. Aber hey, aus dem ist mittlerweile eine gespaltene Persönlichkeit aus Peter Klöppel, Günther Jauch und Hitler geworden :-D

Aurels Schreibstil ist locker, witzig und prima “wech zu lesen” wie der Ostwestfale sagt. Normalerweise brauche ich für Romane deutlich länger, da ich mehrere gleichzeitig lese, aber “Abgeflogen” hatte ich in 3 Tagen durch. Wenn ich die Schreibe einordnen müsste, dann fällt mir zunächst Tommy Jaud ein. Was trotz seines Riesenerfolgs in meinen Augen nicht gerade ein Kompliment ist – aber: Aurel Levy schreibt ähnlich, allerdings ohne dem Leser ein auf Dauerfeuer gestelltes Gag-Maschinengewehr vor die Brust zu halten. Sehr witzig und dabei sehr angenehm – fast schon zurückhaltend.
Noch ein anderer Vergleich: Kurz vorher hatte ich den hochgelobten Roman “Tschick” angefangen und nach 1/3 wieder weg gelegt. Hier war es nicht das notorische Gags verschleudern, das nervte, sondern ein erwachsener, der sich krampfhaft um so etwas wie Jugendsprache bemüht, was komplett nach hinten losging. Das macht Aurel Levy sehr viel besser. Was vermutlich an seiner Erfahrung als Pilot einer großen Airline liegt:
Er muss sich die Geschichten, Dialoge und vor allem das Setting nicht ausdenken – er erlebt es jeden Tag bei der Arbeit und das merkt man durch wunderbare Authentizität.

Als Ex-Fast-Literaturwissenschaftler muss ich zwei kleine Probleme loswerden, die ich persönlich mit dem Buch hatte:
So sehr ich auch wissen möchte, wie Fittipaldi zu seinem Formel1-tröchtigen Namen gekommen ist, halte ich eine Zur-Schau-Stellung von derart offensichtlicher Nicht-Artgerechter-Haltung für schwierig.

Story-technisch finde ich die Geschichte mit dem Brief ein bisschen arg deus es machina. Da hätte mehr aus der Geschichte selbst heraus kommen können.

Aber vielleicht erledigt sich beides im zweiten Teil an dem Aurel fleißig dran ist:

  • Wir finden heraus, wie Bartagame Fittipaldi zu seinem Namen kam.
  • Fittipaldi selbst findet einen Agamen-Sitter
  • Und wir lernen Horst-Herbert-Topsi noch besser kennen

Ich hatte beim lesen eine Menge Spässkes und kann das Buch uneingeschränkt empfehlen.

Natürlich gibt es das Buch bei Amazon zu kaufen – aber auch bei Aurel Levy in seinem kleinen Selbstverlag AVILA, was ich durchaus charmanter und unterstützenswert finde. Insbesondere, weil “Abgeflogen” das erste Buch, das ich aus einem Selbstverlag in die Finger gekriegt habe, das sich nicht hinter großen Produktionen verstecken muss. Sowohl was die Papier-, Druck- und Binde-Qualität angeht, wie auch das wunderschöne Cover-Design.

Und sonst hat der Autor noch eine Facebook-Page, wo er regelmäßig vorbeipostet.