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Alex Kahl der Probefahrer lernt Klavier spielen

Was mir 30 Tage Klavier lernen beigebracht haben

“Das Klavier ist für die Musik, was die Druckerpresse für Poesie ist” so zitiert Clint Eastwood zu Anfang seines Films den Dichter George Bernard Shaw. Alleine das ist eigentlich schon Grund genug, sich mit dem Piano zu beschäftigen.

Ich habe mich 42 Jahre lang nicht ans Klavierspielen rangetraut. Auch wenn ich Kindheitserinnerungen habe, in denen man mich fast operativ vom Piano das bei Verwandten stand entfernen musste, als wir dort zu Besuch waren.

Macht es mit 42 Jahren noch Sinn Klavier zu lernen?

Genauso gut könnte man auch fragen: “Macht es Sinn Fahrrad fahren zu lernen, auch wenn man nie die Tour de France mitfahren wird?”

Meine wichtigste Erkenntnis aus den ersten 30 Tagen Klavier lernen:
Es tut gut, richtig schlecht in etwas zu sein. Aber jeden Tag etwas besser zu werden.

Und: Das Metronom kann ein Arschloch sein. Aber auch Dein bester Freund. :-D

Als ich für meinen Artikel über den Klassik-Vortrag von Frank und Eva recherchiert habe, stieß ich auf James Rhodes, der in einigen Videos behauptet: JEDER kann in 6-8 Wochen das bach Praeludium 1 in C-Dur lernen.

Dann habe ich mir sein 60-seitiges Buch dazu gekauft und angefangen. Und gleich geflucht. Schreibt er doch: “Bevor Du hier weiter liest, musst Du erstmal Noten lernen. mache NICHT weiter, bevor Du die Noten auf dem Blatt nicht in Fingerpositionen auf dem Klavier umsetzen kannst!”

“JAMES, DU ARSCH!” ;) habe ich erstmal gedacht. Und nach 2 Tagen gemerkt: Der hat ja Recht! Das kann ich wirklich lernen!

“Ich kann das nicht” verschwindet aus meinem Vokabular

Evas Aussage im Interview nach dem Vortrag Einführung in die klassische Musik hat mich schwer beeindruckt: “Ich kann alles spielen, was ich spielen will, wenn ich genug übe.”

Auch wenn es vermutlich Dinge auf dem Klavier gibt, die ich wirklich nie mehr spielen lernen werde, weil meine Fingermuskeln, Sehnen, mein Muskelgedächtnis das nicht mehr auf die Kette kriegen, rücken jetzt schon Dinge in schaffbare Nähe, die ich vor nem Monat noch nicht für möglich gehalten habe.

Und wer weiß: Sportler gehen mit 35-40 in Rente. Pianisten wie Horowitz oder Rubinstein haben bis WEIT in ihre 80er Jahre noch Konzerte gespielt. Da sehe ich noch Hoffnung :-D

Es tut gut, mich auf das zu konzentrieren, was ich erreichen kann. Statt auf das, was im Moment unerreichbar scheint.

Endlich wieder lernen

Ich lerne gerne neues dazu. Und das täglich. Aber was ich seit Jahren nicht gemacht habe ist es, ein Feld richtiggehend zu studieren und auf verschiedenen Wegen zu erlernen, die seit Jahrhunderten erprobt oder nagelneu sind.

Das macht an den Tasten gerade richtig Spaß. Angefangen bei meinem Hauptstück, dem Bach Praeludium in C-Dur von Bachs Wohltemperierten Klavier BWV 846, über den Star Wars Theme, Übungen und Liedern, die mir Klavierlehrer Burch mit auf den Weg gegeben hat (Guten Abend, gute Nacht zum Beispiel), zum Metronom spielen lernen, Rhythmus trainieren und vor allen Dingen: Mit Apps wie Yousician eine Mischung aus compterspielen und klavierspielen nutzen.

Hier könnt Ihr Euch das Praeludium No.1 mal so anhören, wie es vor knapp 300 Jahren vermutlich am häufigsten gespielt wurde: Auf einem Instrument, dass damals das günstigste Tateninstrument war: Ein Clavicord. Gibt’s heute kaum noch. Ist halt auch sehr SEHR leise und eigentlich nur für den Hausgebrauch und zum Üben gedacht:

 

Da ist immer wieder dieser großartige Moment, wenn ich plötzlich merke, dass ich nach richtig viel spielen, plötzlich bei meinem Hauptstück mit einem Mal viel weiter komme als noch ein paar Tage zuvor. Ganz automatisch!

Lernen zu lernen

Was ich wieder gelernt habe: Ein unmöglich erscheinendes Problem – in diesem Fall ein 2-Minuten langes Klavierstück zu lernen – zu nehmen und in kleine, schaffbare Unteraufgaben zu zerlegen:

  • Lernen wie die Finger auf die Tastatur kommen und sich zurecht finden
  • Nur die ersten 2 Takte des Stücks lernen
  • GAAAAAANZ langsam üben. So langsam, dass es einem lächerlich erscheint.
  • Lernen durch Beobachten auf YouTube. Egal ob Meister oder andere Anfänger

Sehr empfelhenswert zum Thema Lernen lernen ist dieser Beitrag von Harald Schirmer.

Geduld und Entspannung – fast schon Meditation

Meditation ist nichts für mich. Ich weiß, ich weiß: Wenn jemand sagt, er schafft es nicht, 2 Minuten zu meditieren, dann sollte er eigentlich 20 Minuten meditieren. Aber meditieren macht mir einfach keinen Spaß. Zumindest im Moment.

Für 20 Minuten immer und immer wieder das gleiche spielen hat für mich aber einen ganz ähnlichen Effekt. Die einzigen Tätigkeiten, bei denen ich diese Mischung aus konzentrieren und sich verlieren an mir bemerkt habe waren bisher Reiten oder Motorrad fahren.

Und Geduld. Jaaaa, Geduld. Nicht gerade eine Tugend, von der ich viel mitbekommen habe. Ich bin eher der Typ für: Gib mir einen Trick oder eine Abkürzung. Auf dem Klavier gibt es keine Abkürzung. Aber die ständigen kleinen Erfolgserlebnisse, Verbesserungen und Erkenntnisse über mich selber, machen es mir leicht, geduldig weiter zu üben.

Selbst wenn ich das Praeludium irgendwann in ein paar Wochen unfallfrei spielen kann, ist es so ähnlich wie damals mit dem 8 Stunden langen Sylvesterritt: Ich werde um zahllose Erfahrungen reicher sein. Aber lange noch nicht reiten bzw. Klavier spielen können.

Bach = Blues und: Ich bin gar nicht sooo unmusikalisch :-)

Vor über 20 Jahren habe ich E-Gitarre gespielt. Mit Unterricht und Band und täglich üben und so. Am liebsten habe ich Blues gespielt. Der schien mir mit seinen Pentatoniken so schön logisch. Das Problem war nur immer: Ich konnte den Blues zwar spielen, aber ich hatte ihn nicht.

Ein Stück von Bach zu lernen ist noch ne ganze Ecke methodischer, analytischer und logischer als Blues. Das gefällt mir gerade sehr. Vielleicht entdecke ich irgendwann mal Ragtime oder Herbie Hancock Jazz für mich. Im Moment bin ich mit Bach, LvB, Chopin und Mozart und was sie mir bei bringen sehr zufrieden.

So hören sich verschiedene Blues- und Jazz-Pianisten an:

Perfektionismus los werden

Über die Jahre bin ich zu einem üblen Perfektionisten geworden. So sehr, dass es mich RICHTIG stört. Wenn ich mich über eine Sache besonders ärgern kann, dann wenn ich Fehler mache.  In meiner Arbeit muss ich mich immer wieder dazu zwingen, Dinge abzuschließen, auch wenn sie noch nicht perfekt sind. Klvierspielen zieht mir diesen Zahn mehr und mehr. Es fühlt sich super an, Fehler zu machen. Zu verstehen, WARUM ich sie mache und dann die Ursache durch verstehen, verbessern und üben zu vermeiden.

Es macht auch keinen Sinn, lange an einer falsch gespielten Note rumzuanalysieren. Da hilft nur: Akzeptieren, weiter spielen, nochmal von vorn und beim nächsten Mal besser machen.
Würde ich jedes Mal an die Decke gehen, mich fragen: “Oh neeeiiin! wie konnte das passieren?! Ich kann nicht glauben, dass ich diesen Fehler gemacht habe!” – ich würde keinen Schritt weiter kommen. Das hilft auch bei der Fehlertoleranz im Alltag weiter ;)

Und was ist schon perfekt? 

  • Wenn ich ein Stück unfallfrei spielen kann?
  • Wenn andere das Stück wieder erkennen?
  • Wenn andere sagen: “WOW! Das klingt aber geil!”
  • Wenn andere sagen: “Du kennst doch dieses eine Stück. Kannste mal spielen?”
  • Wenn andere Eintrittsgeld bezahlen um Dich spielen zu hören oder CDs kaufen?

Huch! Ich kann ja Noten lesen!

Auch so ein Ding, gegen das ich mich mein ganzes Leben lang gewehrt habe, weil ich dachte, es wäre SO schwer. Sowohl James Rhodes als auch der Burch sagen aber zu Recht:

Noten lernen ist einfach. Millionen Kinder tun es täglich.

“Es gibt 12 Töne und 26 Buchstaben. Und das Alphabet haben wir auch alle gelernt.” Auch wenn dieser Vergleich ein kleines bisschen hinkt, denn ein Klavier besteht aus 7,5 mal 12 Tönen. Das ist schon etwas komplexer als das Alphabet ;) ist es auch mit 42 machbar noch zu entziffern, welche schwarzen Punkte auf den Linien wo auf die Tasten gehören. Es dauert nur SEHR lang :)

Der Reiz dabei: Noten sind eine universelle Sprache, die jede auf der Welt lesen kann, wenn sie sie beherrscht.

Und: Du erweckst hier etwas zum Leben, das jemand vor hunderten von Jahren aufgeschrieben hat. Diese monumentale Seite ist mir erst durchs selber machen bewusst geworden:

Quelle: Wikipedia

Mich an meine Grenzen bringen

Ein großartiger Effekt verschiedener Stücke und Übungen in den Apps ist es, dass sie mich gezielt an die Grenzen des für mich schaffbaren bringen. Dann übe ich eine halbe Stunde ganz langsam vor mich hin und plötzlich spiele ich eine Tonleiter, eine Melodie oder Übung flüssig, die ich kurz vorher noch für unmöglich gehalten habe.

Das ist auf so vielen Ebenen motivierend, dass alleine für dieses Erlebnis das Klavier spielen schon lohnt.

Unerwartete Erfolge

Dann sind da noch diese Kleinigkeiten: Vorgestern ist das ipad plötzlich ausgegangen und ich saß im Dunkeln. Ich habe einfach gespielt und gemerkt:

Du findest Dich blind auf einer Klaviertastatur zurecht!

Hätte ich NIE für möglich gehalten. Und dann funktioniert das plötzlich einfach so und ich stelle die neue Fähigkeit nur durch einen Zufall fest. (Auch wenn es auf einer Computertastatur fast selbstverständlich für mich ist).

Da stellt sich schonmal ein bissken Stolz ein :)

Es ist effektiv UND effizient

Effektiv sein heißt, die richtigen Dinge im Leben zu tun.

Effizient heißt, die Dinge richtig zu tun. (Ein Problem kriegt man, wenn man die falschen Dinge effizient tut. Dann erzielt man nämlich keinen Effekt).

Hobbies habe ich in 42 Jahren eine Menge ausprobiert. Aber entweder habe ich – wie bei der Photographie oder dem Vloggen – irgendwann einen Status erreicht, der für mich und meinen Bedarf ausreicht. Oder sie waren mir einfach zu zeitaufwändig ohne den entsprechenden langanhaltenden Nutzen zu bringen. So zum Beispiel beim Reiten. Nicht falsch verstehen: Reiten ist großartig und ich liebe es mit den Pferden hier auf dem Hof umzugehen. Aber irgendwann war der Punkt gekommen, wo die Lernkurve so steil wurde, aber die Nutzenkurve immer weiter abflachte, dass ich die gut 3 Stunden die mich eine Reitstunde in Anspruch nahm, nicht mehr investieren wollte, um weiter zu machen.

Beim Klavier ist es wie mit meiner Klimmzugstange unten im Flur: Wenn ich oft genug dran vorbei gehe, dann nutze ich es auch regelmäßig.

Ich werde ein besserer Lehrer

Teil meines Berufes ist es auch, Menschen in Unternehmen beizubringen, was das Web für sie und ihre Kunden tun kann.

Wenn ich mir nun Meisterklassen anschaue, in denen ich zwar Klaviertechnisch keine Unterschiede höre (die Leute spielen für mich immer gleich meisterhaft g), lerne ich von den Lehrern. Das ist sehr faszinierend. Hier mal ein Beispiel aus einer Masterclass, in der das Stück geübt wird, das ich irgendwann mal spielen können will – Schuberts Impromptu Opus 90 No. 3:

Wissen motiviert mich jeden Tag ein Stück besser zu werden

Es ist einfach was anderes, ob man als Kind dazu gezwungen wird, ein Instrument zu lernen oder ob man es freiwillig tut. Das schneller und einfachere lernen, das Kindern oft nachgesagt wird, wird durch die eigene Motivation und Lebenserfahrung aufgewogen.

Und auch andere Dinge sind als Erwachsener einfacher: Die Hände sind bsw. größer und können die Tasten viel besser erreichen. Die Belohnung für das viele üben lässt oft lange auf sich warten. Diese Geduld hat man als Erwachsener eher, weil man eine Vorstellung von seinem Ziel hat, denn als Kind (auch wenn ich hier vielleicht fast eine Ausnahme darstelle g).

Der Nachteil als Erwachsener: Zu wenig Zeit.
Wie gerne wäre ich nochmal 12 Jahre alt. Mit all der Zeit und all den Apps, YouTube Videos und Möglichkeiten heute.

Aber auch, wenn es nur ein paar Minuten pro Tag am Klavier sind, ich vermisse sie mittlerweile schon, wenn ich sie mal verpasse.

Anstatt neue Sachen zu kaufen, irgendwas zu sammeln oder Netflix bingewatching zu machen, freue ich mich jeden Tag drauf, wieder ans Klavier zu können und eine neue Kleinigkeit meinen Fähigkeiten hinzuzufügen.

Das Klavier ist wie ein glänzendes, verlockendes Spielzeug, das jeden Tag was neues für mich bereit hält :)

Was kommt als nächstes?

Mal sehen, wo mich das neu gewonnene Lernen können hinführt: Vielleicht nehme ich mir doch nochmal programmieren lernen vor, um ein eigenes Projekt selber umzusetzen. Vieles von dem, was ich gerade über lerne, schubst mich immer weiter in die Richtung ;)

Was das Piano alles fürs Hirn tut:

Das ist schon der Hammer. Alles erschließt sich mir auch noch nicht – via Musicologie: