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Schuld, Verantwortung und Konsequenz

Schuld, Verantwortung und Konsequenz

Fefe hat drüben in seinem Blog einen frustrierten Kommentar zum Verhalten des Heartbleed-Programmierers geschrieben. Den Fehler, der weltweite Sicherheits-Konsequenzen (und das Ändern aller unserer Passwörter) nach sich gezogen hat. Den Fehler als solchen könnte man ja eigentlich verzeihen sagt Fefe, aber das Verhalten des Programmierers, den Fehler als “trivial” zu bezeichnen und dann noch jemand anderem in die Schuhe zu schieben, der den Fehler bei der “Endkontrolle” nicht bemerkt hat, ist scheiße.

Zitat Fefe:

Das ist genau so abwegig wie wenn ein Krimineller für seine Tat die Polizei verantwortlich macht, weil die ihn nicht aufgehalten haben.

Keine Konsequenzen

Es muss ja nicht gleich jemand in den Knast wandern. Insbesondere nicht für eine freiwillige Mitarbeit an einem Open-Source Programmier-Projekt. Aber Reue zeigen und anderen demonstrieren: “Ich habe Mist gebaut. Versucht es besser zu machen als ich” wäre angebracht.

Was anderes, wenn es um (viel) Geld geht

Sprechen wir von Großprojekten, Milliarden-Spekulationen oder Konzern-Managern ist das ein anderer Schnack. Als CEO mag man immer mit einem Bein im Knast stehen ja. Aber aus den falschen Gründen. Da stehen die Interessen der Aktionäre im Vordergrund. Wer als CEO Mist baut und Leute verlieren Ihre Kohle: Dann ist der CEO und der eine oder andere Vorstandskollege dran. Bei moralischen Fehltritten? Bleibt’s beim “Du Du Du” und schlimmstenfalls wechseln in den Vorstand oder Aufsichtsrat eines anderen Unternehmens.

Was, wenn VORHER Verantwortung und Konsequenzen fest stünden?

Du willst den Bau eines Flughafens in Berlin durchziehen? OK. Mach’s. Wenn es schief geht, haftest Du mit Deinem Privatvermögen zur Schadensbegrenzung mit und bekommst mindestens 10 Jahre Berufsverbot in allem was mit wirklich großen und wichtigen Entscheidungen zu tun hat.

Dadurch würden wir die richtigen Leute für den Job kriegen. Die sich den Job auch zutrauen.

Oder gar keine.

Und das wäre ja durchaus auch ein wichtiger Regulator: Wenn KEINER vorab die Verantwortung mit der eigenen Berufsehre (und Ausübung) oder seinem Privatvermögen für eine Elb-Philharmonie oder einen Berliner Flughafen auf sich nehmen möchte, dann ist das gesamte Projekt vielleicht einfach eine Scheiß-Idee. Und ich meine nicht, dass damit ein finanzieller Schaden in Grenzen gehalten werden kann sondern, dass DIE oder DER mit der Verantwortung für das Projekt sich VORHER bewusst ist welche Verantwortung sie da auf sich nimmt, sich VORHER überlegt, ob sie das leisten kann und will und was die persönlichen Konsequenzen im Fall eines Scheiterns sein werden. Scheitern heißt in diesem Fall vor allem: Sehenden Auges scheitern und nicht die Reißleine ziehen. Fehler vertuschen und auf andere abwälzen.

Wer früh genug mit keinen oder deutlich milderen Konsequenzen zu rechnen.

Aber dann kommt doch nichts neues zu Stande?

Möglicherweise. Vermutlich dauert es aber einfach nur länger. Bleiben wir mal beim Beispiel Fefe: Der KANN programmieren und weiß was er tut. Er hätte so einen unausgereiften und fehlerbehafteten Code nie so arrogant für ein so wichtiges Projekt eingereicht:

Zitat:

Ich habe 1995 mal Code bei ssh eingeschickt, bevor es openssh gab. Das war Code für ein zusätzliches Detail in der Config-Datei. Ich weiß noch, wie ich da sehr nervös war, das überhaupt hinzuschicken. Netzwerk-Parsing-Code hätte ich mich gar nicht einzusenden getraut damals.

Wenn Größenwahnsinnige Leute noch größenwahnsinnigere Projekte übernehmen muss man sich doch nicht wundern, wenn das in die Wicken geht. Insbesondere dann, wenn wir nicht nur eine globalisierte Arbeitsteilung, sondern auch noch eine globalisierte Verantwortungsteilung haben, bei der die Verantwortung in so kleine Häppchen aufgeteilt wird, dass niemand so richtig zur Rechenschaft gezogen werden kann.

Etwas Demut vor der Aufgabe, gesunder Menschenverstand bei der (Selbst)-Einschätzung und eben von Anfang an Verantwortung und Konsequenzen übernehmen wären eine echte Hilfe.

Mit Verantwortung bei sich selbst anfangen

Fefe führt da als Beispiele in seinem Artikel die Fälle Mollath, Flughafen BER, Bundestrojaner und Vorratsdatenspeicherung an. Als halbwegs positive Beispiele nennt er noch Hoeneß (wo die Übernahme von Verantwortung auch nur Selbstschutz war) und TEPCO die immerhin zugegeben haben in Fukushima Fehler begangen zu haben. Was wiederum wohl eher an der japanischen Kultur des “nicht das Gesicht verleiren” liegen dürfte.

Aber bei sich Selber anfangen?

Wer übernimmt denn heute noch Verantwortung für sich selber? Ich meine nicht mal gleich bei schweren Fehlern, sondern bei ganz Alltäglichen Dingen:

  • Gesundheit wird zur Verantwortung des Arztes.
  • Gesunde Ernährung die Verantwortung der Nahrungsmittelindustrie (GANZ großer Lacher)
  • ethische Verwendung des angelegten Geldes wird zur Verantwortung von Bankern, wenn eben doch mit nahrungsmittelpreisen spekuliert wurde, kann ich die Verantwortung auf die Bank abwälzen
  • Verantwortung für Erziehung und Bildung wird auf Lehrer abgewälzt
  • Nachhaltiger Konsum? Wird auf die produzierenden Unternehmen und nicht auf das eigene Verbraucherverhalten abgewälzt

Warum sollte ICH etwas ändern, wenn die Großen sich auch nicht ändern?

Gegenfrage: Wer ändert im Hafen den Kurs von Riesenfrachtern? Richtig: Kleine Schlepperboote. Kleine Fahrzeige schieben Riesenjumbos auf Flughäfen. Alles machbar, bevor zu viel Fahrt aufgenommen wird.

Schön wäre, wenn Menschen mal wieder die individuelle und gesellschaftliche Verantwortung klar wird, die einzelne trägt und erst wenn wir DAS halbwegs vernünftig hinkriegen (80:20 Prozent wäre ja schon was), DANN können wir uns mal wieder Großprojekten annehmen, ohne dass die in größenwahnsinnigem Murks enden.

Artikelbild von (cc) rainer.n.foto auf flickr