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Am Lost Race Track SOLITUDE trafen wir die Zukunft des Motorsports

Am Lost Race Track SOLITUDE trafen wir die Zukunft des Motorsports

Kennt Ihr die Formel Student? Nein? Ich bis letztens auch nicht. Aber es gibt tatsächlich eine _internationale_ Rennserie für Studenten. Und da geht es nicht nur um das schnelle Fahren, sondern ums komplette Programm:

  • Rennauto im Rechner konstruieren
  • Teile fertigen
  • Rennwagen zusammen bauen
  • Management des Rennteams
  • Marketing, Öffentlichkeitsarbeit und Sponsoren auftreiben
  • Logistik des Rennzirkus auf iinternationalen Strecken
  • uvm.

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Das Renntean Stuttgart

Wir trafen einige Mitglieder des Fomula Student Rennteam der Uni Stuttgart am vernebelten Schloß Solitude (insgesamt gehören über 40 Leute zu dem Team) und ließen uns von Konstruktueren, Fahrer und Managern des Teams erklären wie sie arbeiten und wie sie dazu kamen, aktuell den ersten Platz in der Weltrangliste einzunehmen (und das nicht zum ersten Mal in den letzten 8 Jahren).

LRT-Formula-Student-F0711-8

Das Auto, der F0711-8

Wenn jemand von Euch mal die Rennsim Life for Speed online gezockt hat (nein, nicht das Actiongedresche Need for Speed), der erinnert sich vielleicht noch an den MRT5. Damals eines meiner Lieblings Autos. Zwaar nicht der schnellste aber IRRE wendig und perfekt für kleine Stadtkurse. Und jetzt stehe ich hier am Schloss Solitude quasi vor einem Nachfahren des MRT5 – zumindest optisch.

Das Monocoque des F0711-8 ist komplett aus Carbon.
Im Stahlgitterrohr-Heck steckt ein knapp 90 PS Honda CBR 600 Motor
Die Aerodynamischen Teile sind alle selbst vom Team entworfen und bei einem Partnerunternehmen produziert worden.

LRT-F0711-8

geekigstes Detail:
Der Ölkühler wird von einem 12V Pabst-Lüfter bei Laune gehalten :)

Foto 1

Am Schloss konnten wir das GEschoss aus Sicherheitsgründen nicht in Aktion erleben. Aber es gibt ja YouTube :) Tolle historische Parallele übrigens: Das Solitude Rennen begann 1903 als Bergrennen. Hier sehen wir den F0711-8 bei seinem Lauf beim Bergrennen in Tübingen:

Der YouTube-Channel des Rennteams Stuttgart ist randvoll geoackt mit Racing-Action

Die Disziplinen der Formula Student

ich habe hier mal die einzelnen Disziplinen, die bestritten werden müssen von der Webseite gemopst:

Engineering Design

Die Konstruktion des Fahrzeugs sowie die erbrachte Ingenieursleistung, wie z. B. der Einsatz neuester Technologien und raffinierter Detaillösungen, werden in einem „Design Report“ dargelegt und am Auto den Wertungsrichtern präsentiert.

Das beste Team erhält maximal 150 Punkte.

Cost Analysis

Sämtliche Kosten der am Rennwagen verbauten Teile, auch die der selbst gefertigten Teile und deren Herstellungsprozesse, müssen offengelegt werden. In einer Diskussion mit Juroren wird das Kostenbewusstsein des Teams im Hinblick auf das gebaute Fahrzeug geprüft.

Das beste Team erhält 100 Punkte.

Business Presentation

Einer fiktiven Investorengruppe, repräsentiert durch Juroren, wird versucht den Rennwagen für den Bau in einer Kleinserie schmackhaft zu machen. Hierzu wird eine professionelle, 10-minütigen Präsentation gehalten und auf die Fragen der Jury eingegangen.

Das beste Team erhält 75 Punkte.

Skid-Pad

Eine liegende Acht mit Kreisdurchmessern von je 15,25 m wird je zweimal durchfahren. Jedes Team darf zwei Fahrer zum Einsatz bringen, jeder Fahrer hat zwei Versuche. Die schnellste Zeit aus allen Versuchen zählt.

Das schnellste Team erhält 50 Punkte.

Acceleration

Das Auto wird über eine Strecke von 75 m aus dem Stand heraus beschleunigt. Jedes Team darf zwei Fahrer zum Einsatz bringen, jeder Fahrer hat zwei Versuche. Die schnellste Zeit aus allen Versuchen zählt.

Das schnellste Team erhält 75 Punkte.

Autocross

Ein ca. 800 m langer Handling-Kurs mit Geraden, Haarnadelkurven und Slalomstrecke muss schnellstmöglich absolviert werden. Hierbei stehen keinerlei Trainingsrunden zur Verfügung, die erste gefahrene Zeit ist gleichzeitig eine Wertungsrunde. Jedes Team darf zwei Fahrer zum Einsatz bringen, jeder Fahrer hat zwei Versuche. Die schnellste Zeit aus allen Versuchen zählt.

Das schnellste Team erhält 150 Punkte.

Endurance

Auf einem dem Autocross ähnlichen Handlingkurs wird ein Rennen über eine Länge von 22 km gefahren. Nach 11 km findet ein Fahrerwechsel statt, für den jedes Team drei Minuten Zeit hat. Es befinden sich normalerweise 3 – 5 Rennwagen gleichzeitig auf der Strecke, die jedoch jeweils nur gegen die Uhr fahren. Ein Rennen Fahrzeug gegen Fahrzeug wird aus Sicherheitsgründen vermieden, indem designierte Überholzonen für schnellere Fahrzeuge eingerichtet werden.

Das schnellste Team erhält 300 Punkte.

Fuel Economy

In Verbindung mit dem Endurance wird der Kraftstoffverbrauch des Rennwagens bestimmt.

Der sparsamste Wagen erhält 100 Punkte.

Foto 3

Wenn jemand das Team sponsorn und auf einen echten Weltklassesieger setzen möchte: Hier Kontakt aufnehmen!

Ralfs Artikel zur Solitude und Formula Student findet Ihr hier

Solitude – das Lost Race Träckle im Schwabenland #LRT

Solitude – das Lost Race Träckle im Schwabenland #LRT

Ich hab ja zu Anfang noch Sohlituhde gesagt, bis man mich aufklärte, es heißt französisch-vornehm Solitühd.

Der Kontrast zwischen der rauen und derberen Eifel und dem eher feinen und gediegenen Stuttgart macht sich auch in den zentralen Bauwerken der Strecken bemerkbar: Die einen haben Ihre Burg, im Ländle hat’s das Schlössle Solitude :)

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Hier wurde schon 1903 das erste Rennen gefahren und das ging damals einfach so: Ein paar Waghalsige sind vom Stuttgarter Westbahnhof zum Schloss hoch geballert und haben gewettet, wer als erster oben ankommt. So einfach kann das manchmal sein, ein Motorsportereignis von Weltruf zu begründen ;) Die aufwändigen Veranstaltungen kamen erst etwas später – wenn auch- mit 1925 nicht viel später. Ab da wurden dann 22,3 Kilometer gefahren. 1931 verkürzte sich die Strecke ein weiteres Mal um einige Kilometer, um dann 1935 bei der endgültigen Rundstrecken-Führung von 11,5 Kilometern anzukommen, die auch bis zum Ende der Rennen 1965 gefahren wurde.

John Surtees (c) Shell - gefunden bei racingblog.de

John Surtees (c) Shell – gefunden bei racingblog.de

John Surtees, mein persönlicher Held und Anstoß  der Lost Race Tracks Tour war hier ebenfalls unterwegs. 1960 gewann er bereits auf seiner MV Agusta die 500er Klasse, bevor er 1964 im Ferrari zweiter und in diesem Jahre auch Formel 1 Weltmeister wurde.

Start-Ziel-Häuschen Solitude (c) Heiko Seibel

Start-Ziel-Häuschen Solitude (c) Heiko Seibel

Start und Ziel befand sich am markanten Zeitnahmehäuschen Glemseck in der Nähe von Leonberg. Auf dem Schloss selbst wurde nach dem Krieg nur noch die Siegerehrung gefeiert. Das aber standesgemäß. Die Aussicht auf Stuttgart ist selbst mit etwas Nebel wunderschön und das Schloß Solitude selbst ist riesengroß und von einer mächtigen Parkanlage umgeben. 1763 bis 1769 als Jagd- und Präsentationsschloß gebaut, erledigt es vor allem die letztgenannte Aufgabe sehr, sehr ordentlich :) So ordentlich dass wohl sogar Giacomo Casanova darüber geschrieben hat. Dann wurde es wegen Finanzproblemen des württembergischen Fürsten anderen Aufgaben zuteil. Erst Militärakademie, dann Kunstakademie und schließlich Elite-Hochschule deren berühmtester Schüler Friedrich Schiller war. Ach hätte es doch nur der Schiller noch geschafft einen Rennbericht über das erste Bergrennen zu schreiben :-)

Die Solitude wechselte sich mit unserem nächsten Ziel dem Sachsenring mit Zuschauerrekorden ab. Bis zu 450.000 Leute fanden sich zu den Rennen ein.

1964 – Meilenstein der Motorsportgeschichte

Absolutes Highlight war das Rennereignis 1964, als 6 Motorrad-Klassen und die Formel 1 mit all ihren Stars in Stuttgart antraten und beim Regenrennen einige der Formel1 Größen wegen der anspruchsvollen Strecke ausfielen.

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Die Ergebnisse damals in der F1:

  1. Jim Clark im Lotus
  2. John Surtees im Ferrari
  3. Bob Anderson im Brabham

und die Motorrad-Sieger

  • bis 50 ccm – Ralph Bryans auf Honda
  • bis 125 ccm – Jim Redman auf Honda
  • bis 250 ccm – Phil Read auf Yamaha
  • bis 350 ccm – Jim Redman auf Honda
  • bis 500 ccm – Mike Hailwood auf MV Agusta
  • Gespann: Fritz Scheidegger / John Robinson auf BMW

Natürlich sind wir auch einige der begeisternden Landstraßen um die Solitude herum gefahren und Teilstücke der alten Rennstrecke. Warum wir an der Solitude aber einen Ausblick auf die Zukunft des Motorsports bekommen haben, erzähle ich morgen erst.

Mercedes Benz B-Klasse erkennt freie Parkplätze und twittert sie weiter

Mercedes Benz B-Klasse erkennt freie Parkplätze und twittert sie weiter

Ich muss gestehen, ich hab nicht schlecht gestaunt, als ich heute bei Nicole den Beitrag zum Parkplatz twitternden Benz gelesen habe.

Ein Mercedes Benz – genauer gesagt die neue B-Klasse fuhr heute durch Stuttgart und hat freie Parkplätze getwittert. Soso. Ein bisschen gewundert haben wir uns alle schon, warum das nur in der Stuttgarter Tageszeitung stand und sonst nirgends. Jetzt weiß ich auch warum – und das ist schon ein Hammer:

Die neue B-Klasse auf automatischer Parkplatzsuche

Das ganze war ein Prototyp-Projekt der Werbeagentur von Mercedes – Jung von Matt in Stuttgart! Ich hör die ersten schon wieder nörgeln “Ach, war also nur nen Werbegag…”

Nee, eben nicht. Grade habe ich mit Markus Schuhmacher von JvM telefoniert, der mir ein bisschen mehr über die Hintergründe erzählt hat: Die Agentur hat nicht nur die Idee zu der Aktion entwickelt, mit der v.a. ein praktischer Usecase für den automatischen Einparkassistenten geschaffen werden sollte – sondern auch gleich noch die technische Lösung mit geliefert:

Die technische Umsetzung der Parkplatz-Tweets

Mein erster Gedanke war natürlich: Ihr habt den CAN-Bus über die On-Board-Diagnose-Schnittstelle angezapft und die Daten darüber ausgewertet. Weit gefehlt. So einfach ist das gar nicht – auch wenn man sich ja leicht denken kann “Im Auto ist doch alles vorhanden: Der Parkassistent erkennt 30 bis 40 Meter vorher die Parklücke per Ultraschall, berechnet im GPS die genaue Position und über das Kommunikationscenter COMAND online schickt er die freie Lücke einfach per Twitter raus”. Ich hatte ja selber bei unserem Projekt ORI10K die Bekanntschaft mit den Schwierigkeiten bei der Nutzung von OBD-Daten für ein twitterndes Auto gemacht.

Jung von Matt Arduino Board

Die Erfahrung hat die Agentur auch gemacht. Also habe Sie sich einen Workaround überlegt: Statt die Daten des Parkassistenten aus dem kryptischen Datenstrom rauszulutschen sind sie einen viel einfacheren Weg gegangen. Per Kamera wurde das Armaturenbrett abgefilmt und immer dann, wenn das Auto per Leuchtsymbol dem Fahrer signalisiert hat, dass da eine Lücke am Straßenrand frei war, hat die Bilderkennung das System aktiviert, dass über ein extra GPS-Modul den Standort getwittert hat. Das ganze basiert auch auf einer technischen Eigenentwicklung von JvM namens Arduino-Board (das was da oben im Bild auf dem Armaturenbrett liegt).

Was hat die Parkplatz Twitter Aktion gebracht?

Auf dem Twitter-Account MBTweetFleet hat das Auto heute 176 freie Parkplätze getwittert, über 100 Retweets ausgelöst, 4 Blogs haben bisher berichtet und es gab über 60 Shares bisher.  Für eine Aktion, die bewusst nicht PR-mäßig kommuniziert wurde, eine ordentliche Reichweite.

Wie gesagt, das ganze war ja zunächst Mal ein Proof-of-Concept. Hat aber schon reichlich Fragen und Diskussionen in Kommentaren auf Zeitungsartikel, Blogpostings und Facebook-Einträgen aufgeworfen?

Der @MBTweetFleet Twitter Account

Wie soll ich denn die Tweets beim Fahren lesen?

Naja, im Mercedes mit COMAND Online ja kein Problem, da liest das Auto. Ansonsten gibt es ja noch Siri und diverse Apps für iPhone und Android.

Was soll die Spielerei? Das hat doch keinen Nutzen!

Oh doch! Hat es sehr wohl! Zum einen wird die Technologie in den Autos zum Wohl der Allgemeinheit genutzt. Wenn intelligent freie Parkplätze kommuniziert würden, hätte das durchaus Vorteile:

  • Ich spare Sprit und CO2 weil ich nicht unnötig oft um den Block fahren muss, um das Auto abzustellen
  • Das Fahren in der Stadt wird deutlich entspannter, wenn ich weiß, wo Parkplätze verfügbar sind
  • Autos, die untereinander kommunizieren, können noch ganz andere Dinge: Sich gegenseitig vor Gefahren warnen zum Beispiel. Glatteis, Stauende, Unfall…

Sowas wird’s doch frühestens in 10 Jahren geben!

Wenn Ihr Euch da mal nicht vertut! Das was Jung von Matt da mit der neuen B-Klasse gezeigt hat, ist ja quasi eine frühe Version von Car Communication. Je nach Empfänger eben Car2Driver, Car2Car oder Car2Infrastructure Communication. In diesem Falle eine sehr eng gefasste Car2Twitter Communication ohne festen Adressaten ;)

Aber denkt das ganze mal weiter:

Die Tweets, sind ja durchaus maschinenlesbar. Was hindert ein System wie COMAND Online in einer Weiterentwicklung daran, Tweets eines bestimmten Accounts, die immer nach dem gleichen Muster aufgebaut sind, auszuwerten und bsw. vorzulesen oder an das Navi als regelmäßig aktualisierte Daten weiter zu geben.

Du gibst dann nur noch: Parkplatzsuche ins Navi ein und den Rest macht das Auto. Ok – bis zum Parkplatz hin fahren musst Du schon selber, aber einparken macht dann tatsächlich das Auto mit dem Automatischen Einparkassistenten. So hat man auch beide Daumen zum hochhalten und liken frei! :-)

Zur weiteren Lektüre empfehle ich den Artikel hier bei CISCO und die zugehörige großartige Infographik zu Internet of Things.