Tag Archives: UpTempo vs. Ballade

Die Musikerpolizei hat auch ne Wache im Internetz

Ich weiss ist grade sehr musiklastig hier, aber was sein muss, muss sein:

Ich wusste nämlich gar nicht, dass der Eurovision Song Contest eigentlich der Nobelpreis der Musikwissenschaft ist.

Kurz zur Erklärung:
Musikerpolizei nennt man Leute, die mit viel Ahnung, noch mehr Musiktheorie, technischem Geschick und Können auf Gitarrenhals, Klaviatur oder was auch immer anderen zeigen, wo der Hammer hängt. Wenn sie ausreuchen inselbegabt sind, können sie auch noch die Inhaltsverzeichnisse der letzten 15 Jahrgänge diverser Musikerfachmagazine aufsagen.

Auf Konzerten sind die Herrschaften meist daran zu erkennen, dass sie zwischen wildtanzenden Menschen in der ersten bis dritten Reihe stehen. Mit verschränkten Armen und angestrengtem Blick kontrollieren sie GENAU ob der Musiker (von dessen Handwerk sie was verstehen) da GENAU so spielt wie auf der CD. Zu mosern haben sie meistens auf jeden Fall was.

Klaus Kauker (ein Musiklehrer, der hier ein eigentlich ganz sympathisches Beispiel abliefert) hat sich mal dran gemacht und mit wirklich VIEL Sachverstand die beiden Versionen von Satellite – unserem Song für Oslo analysiert. Als Fazit kommt raus: Jennifers Version war super, toll arrangiert, konzeptioniert, komponiert und alles.

Die von Lena wirkt “wie von irgendjemandem in der Mittagspause irgendwie angefertigt”. – Was ich im übrigen überhaupt nicht nachvollziehen kann. Für mein Musikhörerohr klang die Version von Lena um EINIGES abwechlsungsreicher, spannender und vor allem eigenständiger als die Ballade von Jennifer Braun. Die wie ein typischer Castingshowsong von einer Interpretin die Gesangsstunden bei einer Whitney-Houston-Imitatorin hatte.

Wie gesagt – mit viel Ahnung und Kenne geht Musikerpolizei Oberkommisar Kauker (der nach mehr Rock’n’Roll im Grunde seines Herzens aussieht, als er in dem Video den Anschein macht *g*) an die beiden Songs ran: Hier “chromatische Annäherung“, da “Line Progression” – “wirklich Klimax, im goldenen Schnitt platziert…” “der Titel des Songs ist an die dramaturigsch best geeignetste Stelle gepackt worden“.

Vor soviel Fachkennntis ziehe ich durchaus meinen Hut vor. Aber das ist als Musiklehrer ja auch sein Job. Aber ein paar Fragen seien mal gestattet:

Herr Hauptkommisar Kauker,
wie wäre es denn mal mit einer abschließenden Gesamt-Einschätzung als Musikfan? Will sagen: Welcher Song hat Ihnen besser _gefallen_? So im Ohr und vor allem im Bauch?

Warum war Lena trotz des sehr viel simpleren Songs die mitreißendere Performance? Obwohl nicht die technisch bessere Sängerin mit dem anspruchsvolleren Song?

Wie hätten Sie den Song in der Up-Tempo Variante besser gemacht?

Wäre Lena dann NOCH erfolgreicher gewesen?

Hätten Sie aus Jennifer auch jemanden machen können, die über die Bühne fegt und ordentlich Show macht, statt eher langweilig ihren Gesangsperfektionismus zu demonstrieren.

Fragen über Fragen.

Vielleicht liegt die Begründung irgendwo dort, wo auch die für die hohe Auflage der BILD-Zeitung im Vergleich zur TAZ liegt? Oder sagen wir lieber: Von der Zeit zu “Der Freitag”. Die eine bodenständig, qualitativ über jeden Zweifel erhaben, die andere hip, gestyled und hochmodern.

Mich würde übrigens eine Analyse einiger Beispiele von Herrn Bohlens Gesamtwerk über die letzten 30 Jahre interessieren. Das wäre doch mal ein Videothema oder?

Hochachtungsvoll und nix für ungut,
Bloggerpolizeiwachtmeister Kahl

.oO(Hoffentlich hören solche Diskussionen bald endlich mal auf. Musik ist Geräusch, das Spaß macht. Keine Raketen-Wissenschaft, keine Technik und auch keine Magie. Kann aber magisch wirken. So wie jede einzelne Nummer von Frau Meyer Landrut eben)Oo.

via 2muchin4mation (schon wieder) und Niggemeier, der hier gleich noch weiteres Diskussionspotenzial für Musikermittler liefert: Den Tatbestand der Rückung.